CITY Lights : In den Gärten der Erinnerung

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Keine Angst, diese Kolumne soll nicht klammheimlich zur Propagandastelle des Arsenal-Kinos umgewidmet werden. Doch gewisse Übergewichtigkeiten lassen sich manchmal kaum verhindern, schließlich werden in den zwei Sälen am Potsdamer Platz regelmäßig Reihen und Retrospektiven veranstaltet, die international ihresgleichen suchen. Dort endet am Sonntag eine Kim-Ki-duk-Retrospektive, um fast ohne Pause am Mittwoch mit Jacques Rivettes jüngstem Film 36 vues du Pic Saint Loup (Einführung Andreas Kilb) von einer kompletten Schau des großen französischen Regisseurs abgelöst zu werden.

Heute schon beginnt im Arsenal auch ein aufschlussreiches regionales Schwerpunktprogramm: „Sights of Memory“ präsentiert an drei Tagen acht ausgewählte Dokumentar- und Spielfilme aus dem Libanon, die einen Einblick in eine traumatisierte Gesellschaft bieten. Durchgehendes Motiv der Filmemacher ist bei aller thematischen Vielfalt der Widerstand gegen die offiziell geförderte Amnesie, die den langen und brutalen Bürgerkrieg der Jahre 1975 bis1990 aus dem öffentlichen Bewusstsein ausblendet. Eine Strategie, die dazu führt, dass die aufgerissenen Wunden bis heute unter der Oberfläche weiterschwären.

Der Eröffnungsfilm Sleepless Nights (2012, heute in Anwesenheit von Regisseurin Eliane Raheb) steckt das Feld ab, in dem er einen ehemaligen christlichen Milizionär und die Mutter eines im Krieg verschwundenen kommunistischen Kämpfers zusammenbringt, die sich der Gedächtnislosigkeit widersetzen. Er, indem er sich öffentlich zu seinen Gräueltaten bekennt, sie auf der hartnäckigen Suche nach Spuren ihres Sohnes.

Nadim Mishlawi untersucht in Sector Zero (2011, am Samstag, mit Einführung von Claudia Jubeh) in essayistischer Manier ein am Stadtrand von Beirut gelegenes Industrieviertel mit dem sprechenden Namen Karantina als Metapher für den Zustand des Landes und seiner verdrängten Traumata. Und Mohamed Soueids My Heart Beats Only for Her (2008, am Freitag mit Einführung von Saadi Nikro) zitiert im Titel eine Zeile der Fatah-Hymne und begibt sich in einer persönlichen Recherche zurück in die frühen siebziger Jahre, als nach der Vertreibung aus Amman für viele palästinensische Kämpfer der Libanon zur Basis wurde. Beirut, so versprachen sie großmäulig, werde das nächste Hanoi werden.

Aus Beirut kommen die Vorfahren des israelischen Filmemachers Avi Mograbi. So sollte Once I Entered a Garden (am Dienstag in Anwesenheit des Regisseurs) eigentlich „Return to Beirut“ heißen. Im Film spielt die Stadt als Herkunftsort resignierter Liebesbriefe und verwaschener Super-8-Straßenbilder eine melancholische Rolle.

Parallel begibt sich der Filmemacher mit einem palästinensischen Freund und dessen kleiner Tochter auf die Autoreise in dessen Heimatort in Nordisrael. Das Geburtshaus ist längst einer jüdischen Ansiedlung gewichen, auf dem schmucken Spielplatz steht ein Schild, das Fremden das Betreten streng untersagt. Es sind solche – reale wie mentale – Grenzen, gegen die Mograbi wie seine beiden Protagonisten mit grimmigem Witz ankämpfen. Dabei gehen jüdischer und arabischer Humor bestens zusammen, ohne je die unterschiedlichen Herkunftspositionen zu verleugnen.

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