CITY Lights : Monster von nebenan

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Vor Wochen schon wurde die Vorführung im Programm angekündigt, und nun wirkt sie plötzlich wie ein nachgetragenes Abschiedsgeschenk: Das Bundesplatz-Kino zeigt am Montag Wolfgang Staudtes Rosen für den Staatsanwalt (1959) – den wichtigsten Film mit Walter Giller, der vergangene Woche in Hamburg starb. Mit dem Film ist Staudte damals ein doppeltes Wagnis eingegangen. Er hat offen ausgesprochen, dass Nazi-Richter ihre Karriere in der Bundesrepublik fortsetzen konnten und von ihren eigenen Kollegen gedeckt wurden, während ihre Opfer weiter in Not waren. Und er hat dieses Thema mit Humor behandelt. Vergangenheitsbewältigung im deutschen Film ist meist todernst, oder der Faschismus wird als Farce behandelt. Staudte entschied sich für einen Mittelweg.Er sieht den Ernst der Sache und plädiert dafür, die gute Laune zu bewahren. Walter Giller gibt einen einfachen Soldaten, der bei Kriegsende von einem Standgericht zum Tode verurteilt wird und nur durch Zufall der Exekution entgeht. Martin Held spielt den Blutrichter, dem er Jahre später wieder begegnet, und liefert eine brillant-subtile Spießerstudie.

Wo hört der Spaß auf, wo beginnt der Ernst? Die Frage stellt sich bei Abel, dem Regiedebüt des mexikanischen Schauspielers Diego Luna. Abel ist neun. Er hat die Sprache verloren und lebt im Heim. Als seine alleinerziehende Mutter ihn in die Familie zurückholt, kann er plötzlich wieder sprechen, mutiert allerdings zum Familientyrann. Er ist fest entschlossen, den abwesenden Vater zu ersetzen – sogar bei den ehelichen Pflichten! Das Kindermacho-Porträt (heute im Central) ist Teil von „Cinespanol“, der ersten spanischsprachigen Filmtournee durch Deutschland. Die anderen drei Beiträge kommen aus Kuba („Personal Belongings“), Bolivien („Zona sur“) und Argentinien („El nido vacio“) und behandeln ebenfalls familiäre Konflikte. Alle vier Filme werden bis Ende Januar an weiteren Spielstätten gezeigt (Eiszeit, Sputnik, Bundesplatz-Kino und Tilsiter Lichtspiele; Details unter www.cinespanol.de.)

Auf ein ganz besonderes Abenteuer lässt sich der Protagonist des japanischen Stummfilms Eine Seite des Wahnsinns (1926) ein. Der Seemann nimmt eine Tätigkeit in einer Nervenheilanstalt an, in die seine psychisch kranke Frau eingewiesen wurde. Er will ihr nahe sein, sie vielleicht befreien (heute im Arsenal). Das Avantgardistische an dem Film ist unfreiwillig: Regisseur Teinosuke Kinugasa musste die Kulissen aus Kostengründen selbst malen, ein Drittel des abgelichteten Materials fehlt, und beim ersten Kinoeinsatz stand ein Mann auf der Bühne, der die Lücken der Handlung erklärend füllte. Auf ihn muss das Berliner Publikum verzichten, dafür gibt es Live-Musik und hinterher Drinks im Foyer.

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