CITY Lights : Rot, aber sexy

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Niedere Instinkte und künstlerischer Anspruch müssen sich nicht ausschließen: Erotikdramen wie „Das Schweigen“, „Der letzte Tango in Paris“ und „Im Reich der Sinne“ haben ihr Publikum sexuell erregt und zugleich geistig angeregt. Vor allem die Franzosen sind Meister auf dem Gebiet der intellektuellen Pornografie – und die Deutschen sind die großen Versager. Auf dem Höhepunkt der sexuellen Revolution gab es im westdeutschen Film nur die Alternative Wim Wenders oder Alois Brummer, keusches Kunstkino oder Lass-jucken-Kumpel-Klamauk, Katharina Blum oder Josefine Mutzenbacher. Nirgendwo war die Sexualfeindlichkeit des westdeutschen Films so stark ausgeprägt wie im Sexfilm: Der Sex war meist etwas Peinliches, wobei man zur allgemeinen Gaudi erwischt wurde.

Die Defa kultivierte ihre eigene Erotik. Sie war oftmals unbewusst. Naturalismus war angesagt, also kein Weichzeichner und keine Bluesmusik, sondern nackte Haut bei Tageslicht. Während der bundesdeutsche „Schulmädchenreport“ heute als seine eigen Parodie erscheint, genießt Herrmann Zschoches Schülerromanze Sieben Sommersprossen (1978) wohlverdienten Kultstatus (Montag im Arsenal). Die schlichte Geschichte von zwei 15-Jährigen, die in einem Ferienlager „Romeo und Julia“ einstudieren und sich dabei näherkommen, sorgte seinerzeit wegen einer längeren Nacktszene für Aufsehen. Dabei erzeugen diese Momente nicht das geringste Unbehagen. Die Laiendarsteller Kareen Schröter und Harald Rathmann werden nie bloßgestellt, die Kamera bleibt auf Distanz, und so viel passiert auch gar nicht außer ein wenig Schwimmen und Streicheln. Mutig wirkt der Film aus einem anderen Grund: Der unbefangenen Jugend steht eine verhärmte Lagerleiterin gegenüber, eine knallhart auf Disziplin und Gruppenaktivitäten bestehende Parteigenossin. Die 1,5 Millionen Zuschauer, die allein im ersten Jahr in die ostdeutschen Kinos strömten, verstanden den Film eher als Plädoyer für das Recht auf Intimsphäre.

Angesichts der aktuellen Missbrauchsdebatte könnte „Sieben Sommersprossen“ so gar nicht mehr gedreht werden. Was Jugendliche im wahren Leben tun dürfen, ist ihnen vor laufender Kamera untersagt. Das Bilderverbot erscheint verständlich, wenn ein Film von sexuellem Missbrauch handelt. Aber auch hier ist es möglich, mit viel Fingerspitzengefühl eindringliche Momente zu schaffen, ohne das Seelenheil der minderjährigen Akteure zu gefährden. In Aelrun Goettes Keine Angst (heute im Babylon Mitte) wird eine Schülerin vom Freund ihrer Mutter vergewaltigt, und man spürt, dass die Regisseurin zugleich Therapeutin war. Niemand hat bei den Dreharbeiten so viel Unterstützung benötigt wie der Täterdarsteller Frank Giering. Das Sozialdrama ist Teil einer kleinen Filmreihe, mit der an den früh verstorbenen Antistar erinnert wird.

Nur selten werden Jugendliche im Kino wirklich von Jugendlichen dargestellt. Frank Schöbel und Chris Doerk waren bereits Mitte zwanzig und verheiratet, als sie in Joachim Haslers Musical Heißer Sommer (1968) in die Rollen der Oberschüler Kai und Stupsi auf der Insel Rügen schlüpften (Montag im Arsenal) Bei einem so stilisierten, farbenfrohen Musical spielt Authentizität ohnehin keine Rolle. Vom ausgeprägten Kollektivgeist abgesehen ist der Film geradezu westlich-dekadent: Er setzt auf den Glamourfaktor und schwelgt in purer Lust an der Form.

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