CITY Lights : Schrecken gegen Horror

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In Frankreich dürfen Filmkritiker auch Buchpreise vergeben. 2007 hatte die Filmhistorikerin Sylvie Lindeperg diesen Preis der Filmkritik für ihre „Filmbiografie“ von Alain Resnais’ Nacht und Nebel erhalten: Der gewichtige Band verknüpft unter dem Titel „Nuit et Brouillard – Un film dans l'histoire“ die Entstehungs- und internationale Wirkungsgeschichte des Films mit der Biografie seiner Mitinitiatorin, der Historikerin Olga Wormser. „Mikrogeschichte in Bewegung“ nennt Lindeperg ihre Methode, durch penible Detailrecherchen den im volkspädagogischen Aufklärungseinsatz zur Ikone erstarrten Film wiederzubeleben, wobei sie auch den offenen fragilen Gestus der Arbeit betont. Allein der Vergleich der nach jeweiligem nationalen Bedarf unterschiedlichen Übersetzungen von Jean Cayrols Kommentartext ist ein Krimi für sich. Jetzt ist Lindepergs Buch in der Edition „Texte zum Dokumentarfilm“ der Dokumentarfilminitiative NW und des Verlags Vorwerk 8 auf Deutsch erschienen und wird am Freitag im Gespräch mit der Autorin im Zeughaus-Kino vorgestellt. Dazu gibt es die Aufführung des Films in zwei der vier existierenden deutschen Sprachfassungen. Der Defa nämlich war die von Paul Celan verfasste deutsche Übertragung des Kommentars politisch suspekt, später kamen sogar noch zwei weitere Versionen hinzu.

Die lange – später oft wiederholte – Kamerafahrt auf den Bahngleisen zur Rampe in Auschwitz gehört zu den Filmorten, die sich ins Gedächtnis eingefressen haben. Für die filmischen Landschaften, die im Januar im Blickpunkt der „Magical History Tour“ im Arsenal stehen, haben die Kinomacherinnen eine andere Resnais-Ikone ausgewählt, mit der der Regisseur 1961 die kinematografische Wahrnehmung ähnlich stark, doch in ganz anderer Richtung, erschüttern sollte. Hier waren es die in Eleganz erstarrten räumlichen und verbalen Zirkelbewegungen, die sich gewohnten Deutungsmustern entzogen. Resnais selbst hat Letztes Jahr in Marienbad (am Dienstag) als „kubistischen Film“ bezeichnet, ein Versuch, die vierte Dimension auf der Leinwand zu evozieren.

Eine Grenzüberschreitung, erneut auf gänzlich andere Art, versucht der US-Regisseur Tim Burton in seinem ersten Erfolgsfilm Beetlejuice (1988). Er lässt das Totenreich gleich im Dachboden eines neuenglischen Puppenstubenhauses beginnen und setzt eine spukhafte Wüstenei drumherum. Die schräge Horrorkomödie um das Leben nach dem Tod schwächelt bei der Stringenz des Plots und in der inszenatorischen Raffinesse, punktet aber bereits mit Burton-typisch ausgetüfteltem Dekor und visuellen Attraktionen, die Caligari fröhlich mit Dali verbinden. Als Darsteller lassen sich Michael Douglas (durchgeknallt), Geena Davis und Alec Baldwin (eher blässlich) in frühen und Sylvia Sidney (imposant) in einer späten Rolle bestaunen.

Am Donnerstagabend wird im Arsenal mit Edward mit den Scherenhänden (1990) eine Werkschau aller bisherigen Langfilme des Regisseurs eröffnet, der in den Achtzigern als Zeichner bei Disney begann und bis heute in aller Vielfalt dem Comic-Genre treu bleibt. Überdeutlich ist das bei seinem Langfilmdebüt Pee-Wee’s Big Adventure (1985, Sonnabend), der ihn aus dem Stand als mit allen Wassern gewaschenen Trickser auszeichnet. Die Geschichte um den ungelenken Kindskopf PeeWee, der auf der Suche nach seinem gestohlenen knallroten Fahrrad quer durch Amerika jagt, ist eine bonbonbunte Wundertüte, die Motive aus Vittorio de Sicas „Fahrraddiebe“, Buster Keaton und Tati mit diversem trashigem TV-Genrestoff mischt. Ein pop- und filmgeschichtssatter Realfilm-Cartoon für Kinder und Kindgebliebene mit einer Verfolgungsjagd, die stilecht in den Warner-Studios endet, wo gerade parallel ein Godzilla- und ein Weihnachtsfilm gedreht werden.

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