CITY Lights : Stein auf Stein

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Bis jetzt ging das Sommerloch gnädig an den Berliner Kinos vorbei. Na gut, Freiluftkinobetreiber möchte man nicht sein. Und im Arsenal wird derzeit der augustübliche Tarkowski gegeben (Offret am Sonntag, Nostalghia am Montag, Serkalo am Dienstag). Alles aber überstrahlt jener gewichtige Berliner und nationale Jahrestag, der publizistisch schon vor seinem tatsächlichen Begängnis am Sonnabend reichlich gefeiert wurde. An 50 Jahren Mauerbau kommt da auch die gern auf Randpfaden wandelnde Stadterleuchterin diese Woche kaum vorbei, denn der kuratorische Niederschlag in den Berliner Kinoprogrammen ist beträchtlich.

Die Angebote reichen vom Mauerstreifen an der Bernauer Straße selbst, wo von Donnerstag bis Sonnabend Open-Air seltene historische Filmdokumente gezeigt werden, bis zum Kino Krokodil, das den Jahrestag zum Anlass nimmt, am Freitag Konrad Wolfs ambitionierte Defa-Verfilmung von Der geteilte Himmel zu präsentieren: Der Film nach dem Roman von Christa Wolf darf mit gutem Recht den Anspruch erheben, die deutsche Teilung filmisch gültig zu repräsentieren. Das Arsenal präsentiert am Sonnabend kurze Musikfilme von und mit Die Tödliche Doris, Günther Fischer und U2, die – von West- und Ost-Seite – das Bauwerk als Drehort und Kulisse nutzen. Noch exotischer: Finale in Berlin/Funeral in Berlin (1966) des „Goldfinger“.Regisseurs Guy Hamilton, womit die Friedrichshainer Tilsiter Lichtspiele ihre Reihe Berlin-affiner Kalte-Kriegs-Spionage-Thriller schmücken. Neben Michael Caine – mit gerade wieder schwer angesagter Horn-Riesenbrille – sind auch Paul Hubschmid, Oscar Homolka und Heinz Schubert mit von der Partie. Zu Beginn gibt es eine der wohl originellsten Fluchtmethoden zu sehen – in einem am Kran hängenden Baubeton-Eimer. Der Flughafen Tempelhof (mit Pan Am, Wegert- und Olivetti-Werbung) kommt auch vor. Überhaupt darf der Zuschauer in dem an vielen Originalschauplätzen gedrehten Film ausgiebig in der noch weithin unverbauten Nachkriegs-Stadtlandschaft schwelgen. Für die Ausstattung zeichnete übrigens Ken Adam verantwortlich.

Fünfzig Jahre nach dem Bau der Mauer und gute zwanzig nach ihrem Fall gilt anderswo eher das Verschwinden als gefährlich. So droht derzeit etwa das polynesische Inselchen Takuu – ein Vorbild für Astrid Lindgrens Taka-Tuka-Land? –, als eines der ersten konkreten Klimaopfer in der Südsee zu versinken. Briar Marchs Dokumentarfilm There once was an island – Te henua e nnoho (Dienstag), der über viele Jahre den Kampf der Inselbewohner um ihre Heimat und der mit ihnen verbündeten Wissenschaftler begleitet, ist eines der vielen Filmprojekte aus aller Welt, die das Globians-Filmfestival im Weißenseer Toni-Kino den Berlinern ans Herz legen will.

Schon seit dem Beginn in Potsdam vor sechs Jahren hat sich Festivalmacher Joachim Polzer dem globalisierungskritisch und ökologisch engagierten Dokumentarfilm verschrieben. Festivalsprache ist Englisch, wobei die USA, Australien und der Pazifik wichtige Schwerpunkte sind, und technisch wird meist von DVD gearbeitet – die schlichte Darreichungsform sei angesichts des weltumspannenden Anlasses ausnahmsweise verziehen. Etwas seltsam aber der Hinweis auf der Festival-Webseite, man wünsche sich ein „leger gekleidetes“ Publikum. Wie bitte, die Berliner Kinogänger overdressed? Na denn: Raus aus dem Abendkleid und ab nach Weißensee!

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