CITY Lights : Vom Balaton zum Genfer See

von

Es gibt einige Titel der deutschen Nachkriegskulturgeschichte, die sich fest in der Erinnerung eingebrannt haben, obwohl die Stücke selbst – ob Film oder Roman – heute bei den unter Sechzigjährigen kaum mehr bekannt sind. „Es muss nicht immer Kaviar sein“ etwa, „Wir Wunderkinder“ oder „Ich denke oft an Piroschka“. Für die letzten beiden war – nach literarischen Vorlagen von Hugo Hartung – ein gewisser Kurt Hoffmann verantwortlich, der seine Regiekarriere 1939 mit dem „Paradies der Junggesellen“ begann und zwei Jahre später der in den zwanziger Jahren geborenen Kriegsknabengeneration mit der Fliegerkomödie „Quax der Bruchpilot“ (1941) den Militarismus versüßte. Nach dem Krieg wurde zu einem der erfolgreichsten und produktivsten Regisseure der jungen Bundesrepublik. Hoffmann, der 2001 in München starb, wäre am 12. November 100 Jahre alt geworden und wird aus diesem Grund mit einer Matinee-Vorführung von Ich denke oft an Piroschka in Anwesenheit des damaligen Hauptdarstellers Gunnar Möller in den Hackesche-HöfeKinos geehrt. Der damalige Kassenschlager wirkt heute als eher bizarr anmutendes Nostalgiestück, das zehn Jahre nach Kriegsende nach Gulasch duftende Pusztaseligkeit in einem touristisch angehauchten Operettenambiente feiert und einen biederen deutschen Studenten in Liebeswirren an den Balaton schickt. Mit dabei sind radebrechende Ungarn in Tracht, freilaufende Gänse, Ziehbrunnen und fröhlich winkende Landarbeiter. Und Piroschka natürlich, das Pusztamädel mit Zopfschnecken und bauschenden Bauernröcken, von Lilo Pulver mit einem eher ostpreußisch anmutenden Akzent und anmutiger Rustikalität ausgestattet: „Sollst mirr doch Pirri saggen!“

Hoffmanns Dreiecksgeschichte, 1955 ins Kino gekommen, macht auch Jüngeren sinnlich erfahrbar, was mit „Papas Kino“ gemeint war, das 1962 mit heftiger Geste verabschiedet wurde. Ein internationaler Hauptprotagonist dieser nächsten Filmemachergeneration ist ein anderer Jubilar dieser Woche, der zu seinem Achtzigsten am 3. Dezember schon diese Woche im Lichtblick geehrt wird. Nur fünf Jahre nach „Piroschka“ krempelte Jean-Luc Godards Außer Atem (Sonnabend und Sonntag im Lichtblick) die Filmgeschichte um. Passion (Montag bis Mittwoch ebendort) entstand 1982, fast ein Vierteljahrhundert später, und gilt heute als die Essenz einer modernistischen Spielart von Film, die in der selbstreferentiellen Beschäftigung mit dem Medium und der Kunstform zu sich selbst kommt. Hier geschieht dies ganz direkt: „Passion“ parallelisiert die Dreharbeiten zu einem artifiziellen Kostümfilm mit dem Arbeitskonflikt in einer Fabrik. Im Studio aufwendig nachgestellte Modelle klassischer europäischer Malkunst von Rembrandt bis Delacroix. Auf einem Screen das Gesicht der Schygulla. Und draußen statt Balaton der Genfer See. Trotz der polnischen Arbeiterbewegung als historischer Hintergrund ist ein Erzählziel nicht mehr erkennbar, nur noch Räume, Bewegung, Licht. Delacroix begann damit, Krieger zu malen, erzählt der Regisseur im Film seiner kleinen Tochter, dann Heilige, Liebende, dann Tiger, bis er am Ende seines Lebens bei Blumenbildern angekommen war.

Dass der Belmondist Godard und Alain Delon überhaupt einmal miteinander gearbeitet haben – bei „Nouvelle Vague“ 1990 – scheint erstaunlich. Im Kino werden sie jetzt zwangsweise zusammengebracht. Delon wurde soeben 75; das Lichtblick zeigt ihn in Vier im roten Kreis (am Montag), von Jean-Pierre Melville inszeniert, auf der Höhe seines Schaffens – und in seiner Paraderolle als undurchsichtiger schweigsamer Loner. Der schon 1973 verstorbene Melville, fast ein Altersgenosse Kurt Hoffmanns, blieb in seinen elegant angefrosteten Werken zeitlos und stilbildend. 2017 wird er 100 – und spätestens dann hoffentlich endlich retrospektiv geehrt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben