Kultur : Citylights: Frank Noack über Großstadt-Filme

Berlin mag in vielerlei Hinsicht anderen deutschen Metropolen unterlegen sein. Aber mit einer Leistung steht es unangefochten an der Spitze: Der bedeutendste deutschsprachige Großstadtroman spielt hier. Gemeint ist natürlich Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz", dem selbst so prachtvolle Städte wie Hamburg, Frankfurt oder München nichts Vergleichbares entgegensetzen können.

Ein glücklicher Zufall hat dafür gesorgt, dass das Buch schnell nach seinem Erscheinen verfilmt worden ist. Phil Jutzi hat sich für Berlin Alexanderplatz (1931) nicht halb so viel Mühe gegeben wie Rainer Werner Fassbinder ein halbes Jahrhundert später, und da nur 90 Minuten Laufzeit eingeplant waren, hat Döblin persönlich die Handlung auf das Dreiergespann Franz Biberkopf/Reinhold / Mieze reduziert. Als Berlin-Film ist Jutzis Version der von Fassbinder dennoch haushoch überlegen. Jutzi hat keine Literaturverfilmung abgeliefert, die die Komplexität des Geschriebenen in ein anderes Medium übertragen will, sondern einen Dokumentarfilm, der die Vorlage als Rohskizze nutzt. Als naiv-brutaler Prolet Franz fand Heinrich George die Rolle seines Lebens, und der kühl-überlegene Reinhold konnte nicht besser besetzt werden als mit Bernhard Minetti (Montag im Freiluftkino Museumsinsel, Dienstag im Balasz).

Als einen "Berlin Alexanderplatz" für Kinder könnte man Gerhard Lamprechts Emil und die Detektive bezeichnen, der ebenfalls 1931 das populäre Buch von Erich Kästner für die Leinwand adaptierte; das Drehbuch schrieb Billy Wilder. Erneut ist die Großstadt ein gefährlicher Ort, an dem der Protagonist verzweifeln würde, wäre da nicht die Solidarität einiger Freunde. Wie Jutzi war Lamprecht ein Dokumentarist, mochte er auch fiktive Geschichten erzählen. Die munteren Darsteller hielt er vor allem dazu an, natürlich aufzutreten. Dass ihre Namen heute kein Begriff mehr sind, hat einen traurigen Grund: Rolf Wenkhaus (Emil) und Hans Joachim Schaufuss (Gustav) sind zehn Jahre später im Krieg gefallen (Sonnabend und Sonntag im Nickelodeon).

Als wäre das echte Berlin der ausgehenden Weimarer Republik nicht eindrucksvoll genug gewesen, ließ Regisseur Joe May für Asphalt (1929) ganze Straßenecken im Studio nachbauen. So konnten er und sein Kameramann Günther Rittau das Licht besser kontrollieren. Berlin wird hier nicht mit dokumentarischem Blick erforscht, sondern zu einer abgründigen Traumwelt stilisiert, in der ein rechtschaffener Polizist (Gustav Fröhlich) einer Diebin (Betty Amann) verfällt. Der Film läuft am Freitag im Arsenal, ebenso wie Wolfgang Liebeneiners Liebe 47 (1949), der letzte und ambitionierteste, surrealistisch angehauchte nachkriegsdeutsche Trümmerfilm. Als Vorlage diente Wolfgang Borcherts Heimkehrer-Drama "Draußen vor der Tür". Dass er dessen Handlung zu erweitern wagte, hat Liebeneiner heftige Kritik eingebracht. Statt die Larmoyanz des heimgekehrten Soldaten (Karl John) und Borcherts Misstrauen gegen das weibliche Geschlecht zu übernehmen, stellte Liebeneiner seine Frau Hilde Krahl in den Mittelpunkt. Am Beispiel ihrer Figur wird das Leid der Zivilbevölkerung, insbesondere der weiblichen, betont. Auch "Liebe 47" ist, streng genommen, ein Großstadtfilm. Doch die Stadt Hamburg existiert hier nur als Trümmerlandschaft.

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