Kultur : Claire Waldoff: Kleine Liebe, große Lieder

Christoph Funke

Wer sie sah und hörte in den ersten, aufgewühlten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts, der begegnete unfehlbar sich selbst. Es ist das Geheimnis der Claire Waldoff (1884-1957), dass sie die Sehnsüchte, die glücklichen und bitteren Erlebnisse der Menschen aller Schichten auf sich zog. So hätte man doch sein wollen, so knubbelig frech und gewagt ordinär, so schmelzend lieb und aufmüpfig schrill, so tapfer auch gegenüber allen Fährnissen des Daseins. Außerhalb jeder Etikette, unberührt vom elitären Kunstbetrieb, mit wachem Gespür für soziale Wirklichkeiten gehorchte die Waldoff nur sich selbst - und wurde gerade dadurch zum Vorbild.

Was sie vortrug, was sie sang, und wie sie es gestaltete, bedeutete Auskunft über Leben, wie es draußen stattfand, und es gab diesem Leben Selbstbewusstsein, eine schöne Portion rührende Liebe und Wehmut auch. Sie wollte obenauf bleiben und ihren Zuhörern zeigen, wie man das macht. "Warum soll er nicht mit ihr mal die Liebe spürn", sang Claire Waldoff von "Miezes Freund", denn darauf kam es ihr an: Die Liebe immer und überall zu "spürn", die Liebe zum einmaligen Leben, wer auch immer da das Sagen haben mochte in der großen Politik. Zivilcourage bedeutete für sie, so zu sein wie die Leute, die ihr zuhörten - nur eben um das entscheidende Quentchen tapferer.

Darf man das Wagnis eingehen, diese Künstlerin "darzustellen"? Angelika Mann darf das. Weil sie aus körperlicher Ähnlichkeit und staunenswertem stimmlichen Vermögen sozusagen eine neue "Waldoff" zaubert. Die Chansons und Couplets gelingen verblüffend, sie haben schmetternde Helle und zugleich auch lieblichen Schmelz, den Spott und die Rührung. Andererseits, die Zeit ist nicht stehen geblieben - und das ist die große Frage an die von Friedel Freiherr von Wangenheim aufgeschriebenen "Stationen einer Cabaret-Karriere". Der Autor gibt Angelika Mann wohl die Möglichkeit, in für zwei Stunden Claire Waldoff zu sein, aber sie darf sie nicht ebenso souverän ins Heute holen. Angelika Mann singt die großen Lieder der Waldoff, als sei sie mit ihnen verwachsen; nur hätte sie durchaus auch das Vermögen, Brechungen, Ironisierungen einzubringen und so den Ablauf von Geschichte erst erlebbar zu machen. Nicht nur, und eben ausnahmsweise, mit dem "Berlin"-Lied am Schluss.

Der dürre Text der "Stationen", nicht selten zum bloßen Aufsagen zwingend, findet nur mühsam in Theater-Situationen. Sechs Bilder, zwei davon spielen 1948, die anderen zwischen 1907 und 1939, wollen das Milieu anreißen, in dem Claire ihre Erfolge feierte. Das ist auf Wirkung aus, die nicht mit dem Teelöffel, sondern mit der Schöpfkelle zugemessen wird. Wenn da einer mit Lehm schmeißt, dann ist es der Autor. Cusch Jung, der Regisseur, müht sich darum, Angelika Mann auf der Bühne nicht allein zu lassen. Besonders Simone Storch wird ihr zur Partnerin, auch die Musiker unter Christoph Wagner spielen tapfer mit. Dennoch, Angelika Mann muss den Abend tragen, und sie tut es grimmig, zart, temperamentgeladen bis in die Fingerspitzen. Das Publikum eroberte sie im Sturm.

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