Kultur : Claudio Abbado: Vorwärts, vorwärts - durch Nacht ins helle Licht

Frederik Hanssen

"Das Werk soll so präsentiert werden", hat Claudio Abbados Wiener Dirigierprofessor Swarowsky immer gesagt, "als würde es zum ersten Mal gespielt, ohne Restspuren des Erlernthabens, neuen Atmens voll." Eine verteufelt anspruchsvolle Forderung, vor allem wenn Beethovens Sinfonien auf dem Notenpult liegen. Berauschende, revolutionäre, mit einem Wort: perfekte Werke eines Titanen der Musikgeschichte, die seit 170 Jahren ununterbrochen rund um den Erdball erklingen. Jede Sinfonie ein Meisterwerk, alle Neune zusammen ein derart beeindruckendes, ja einschüchterndes Oeuvre, dass selbst einer wie Johannes Brahms 40 Jahre seines Lebens Mut sammeln musste, bis er es wagte, diesem übermächtigen Vorbild etwas Eigenes entgegenzusetzen.

Wie um alles in der Welt soll es also ein Dirigent bewerkstelligen, diese Sinfonien heute noch so zu präsentieren, als würden sie "das erste Mal gespielt"? Claudio Abbado hat es geschafft. Die Einspielung, die er jetzt mit "seinem" Orchester, den Berliner Philharmonikern, vorlegt, zeigt keine "Restspuren des Erlernthabens". Vor allem aber ist sie "neuen Atems voll". Der Hörer mag in den CD-Player schieben, welche der fünf Scheiben er will - nach wenigen Takten wird er mitgerissen vom Sog dieser Interpretation. Vorwärts, vorwärts, durch Nacht ins helle Licht der Aufklärung drängt Abbado, zur besten aller Welten, dort, wo jeder den Mut hat, sich des eigenen Verstandes zu bedienen. Neun Sinfonien als klingende Enzyklopädie des Humanismus: In jahrzehntelangem Partiturstudium lernte Abbado, offenen Auges diesem strahlenden Geisteswerk entgegenzutreten, ohne die Hand geblendet vors Gesicht schlagen zu müssen - er möchte seine Musiker, seine Hörer ebenfalls sehen lehren, was Beethovens Welt im Innersten zusammenhält: Die Liebe zum Menschen, Glaube an die Erklärbarkeit der Welt, die Inspiration durch organische Evolutionsprinzipien der Natur.

Adornos Worte, die er einst fasziniert auf Furtwängler bezog, treffen auch hier zu: Es gibt "keine tote Note", alles hat Sinn, Ziel, Logik, jeder Musiker weiß genau, was er wann warum tun, noch die kleinste Bewegung der unbedeutendsten Nebenstimme fügt sich organisch in den Fluss des Zusammenspiels - und wird von den Philharmonikern ausgeführt mit einer Leichtigkeit, Eleganz, technischen Brillanz, die dem Zuhörer die Sprache verschlägt. Ein feurig lichter, wissender Beethoven-Klang, der süchtig macht.

38 Takte passiert eigentlich nichts

Seit mehr als vier Jahrzehnten beobachtet Abbado genau, was um in der Musikszene passiert, er kennt die Werke seiner Zeitgenossen ebenso wie die Arbeitsweise der sogenannten "Originalklangbewegung", die es sich auf die Fahnen geschrieben hat, Kompositionen so zu spielen, wie sie zu ihrer Entstehungszeit geklungen haben. Auch wenn er dieses Streben eher für eine Mode hält, ist er doch offen genug, sich mit der Forderung auseinanderzusetzen, unsere aus dem 19. Jahrhundert stammenden Klangästhetik zu hinterfragen. So hat er die Tradition über Bord geworfen, Beethoven, den Giganten, mit gigantisch großem Orchester zu spielen. Weil es ihm darauf ankommt, dass sich der aufklärerische Interpretationsansatz in einer vollkommenen Transparenz der Stimmen spiegelt, hat er die übliche Zahl der Spieler drastisch reduziert, die ersten beiden Sinfonien wegen ihrer intimeren Proportionen sogar im Kammermusiksaal, nicht in der Philharmonie aufgenommen.

Und die Philharmoniker machen mit: Schließlich sind sie nach dem Verjüngungsprozess der letzten zehn Jahre - 80 Musiker haben das Orchester altersbedingt verlassen - zu einer modernen, flexiblen Gemeinschaft exzellenter Solisten geworden, die nicht an Altbewährtem klebt, sondern sich neugierig dem Ungewohnten stellt. Es ist ein Glücksfall für Berlin und die Musikwelt, dass die Philharmoniker dabei Claudio Abbado so sehr entgegen gewachsen sind, dass sie heute seine sensible, intellektuelle Art Musik zu machen geradezu erspüren können. Denn viele Worte macht ihr Chefdirigent bekanntlich nicht - weil er das Musizieren als zutiefst demokratischen Prozess begreift, bei dem jeder seinen Teil zum harmonischen Ganzen beiträgt. Wenn also ein Musiker im Orchester seine Stimme dem Dirigenten gibt, bedeutet das für Abbado keineswegs, mit dem ihm übertragenen Mandat tun und lassen zu können, wozu die Lust ihn gerade treibt. Er sieht sich allein als Koordinator gemeinsamer Interessen. Diese - unter Dirigenten rare - Einstellung zum menschlichen Miteinander macht Abbado zum Seelenverwandten Beethovens. "Alle Menschen werden Brüder!" Schillers Wunsch, vom Komponisten in jubelnde Töne gekleidet - im Fall dieser virtuellen Künstlerfreundschaft ist er klingende Wirklichkeit geworden.

Beim Dialog unter Gleichen kommt es auf jedes Detail an, auf die feinste Nuance des Tonfalls, die subtilste Anspielung noch im scheinbar nebensächlichsten Nebensatz. Und tatsächlich: Claudio Abbado und seine Musiker lassen nicht für Sekundenbruchteile die Konzentration schleifen. Ein Beispiel: Eine der am schwersten zu realisierenden Passagen bei Beethoven ist die langsame Einleitung der vierte Sinfonie. 38 Takte lang passiert eigentlich nichts, die klangliche Landschaft liegt da wie die Welt am ersten Tag der Schöpfung, formlos, unbegreiflich. Die Schwierigkeit für den Interpreten besteht darin, den Hörer durch die absichtsvoll vorgeschickten Nebelschwaden erkennen zu lassen, dass unter der Oberfläche bereits feste, von Willenskraft geformte Materie existiert. Schemenhaft setzt die Streicherbewegung über Liegetönen der Holzbläser ein, die erste spürbare Regung der Musik ist eine ganze Note in Takt fünf, die nach Beethovens Willen erst an- und dann wieder abschwellen soll. Abbado macht daraus ein Miniaturdrama: Wie ein Licht in der Dunkelheit glimmt der Ton auf, verspricht dem Suchenden Orientierung und verglüht schon wieder, ehe man ihn richtig orten konnte. Ganz vorsichtig beginnt sich die erste Violine durch die Nacht zu bewegen, und jede Note wird zum unsicheren Schritt, bis ihr in Takt neun eine unerwartete Bewegung in den Kontrabässen das Herz in die Hose rutschen lässt: Poch, poch, klopft es in den Streichern, poch, poch antworten die Holzbläser. Doch die Flöte kann mit ihrer absteigenden Linie die Aufregung fürs erste dämpfen. 13 Takte einer scheinbar inhaltslosen Einleitung, aus denen Abbado und die Berliner ein Schauspiel für das innere Auge machen, spannend wie ein Krimi.

Doch Abbado verkleinert Beethoven nicht, indem er ihn vermenschlicht. Die "heroischen" Passagen behalten ihre Größe, die atemberaubenden architektonischen Konstruktionen der Partituren schrumpfen nicht zusammen unter seinem Blick. Aber die Dimensionen sind nicht die uns vertrauten des Historismus mit seiner einschüchternde Monumentalität, sondern es sind die des Klassizismus: Eine erhabene Größe zur Verherrlichung des Guten, Wahren, Schönen - und Menschlichen. Wie weit ist Abbados Blick auf Beethoven damit von dem seines Berliner Kollegen Daniel Barenboim entfernt! Keine sechs Monate ist es her, dass der Staatsopern-Chefdirigent mit der Berliner Staatskapelle seine Sichtweise auf den Sinfonien-Zyklus vorlegte: Während Abbado Beethoven im Licht der Aufklärung betrachtet, liegt bei Barenboim längst der Schatten der Romantik über der Musik. Das ist ein legitimer Zugang zum Werk, und liegt angesichts der Tatsache, dass die Staatskapelle den alten, dunkel gebeizten, "deutschen" Klang des 19. Jahrhunderts konserviert hat, nahe. Aber es hat gravierende Auswirkungen für den Hörer.

Der Zuhörer und sein Widerspruch

In der Tanzschule haben wir den Unterschied zwischen "Bekanntmachen" und "Vorstellen" gelernt: Ersteres wird unter hierarchisch Gleichrangigen praktiziert, letzteres ziemt sich für Situationen, in denen man auf eine höher gestellte Person trifft. Während Abbado die Leute an die Hand nimmt, um sie mit dem Mitmenschen Beethoven zusammenzubringen, stellt Barenboim den Komponisten seinem Publikum im wahrsten Wortsinn vor. Und zwar auf einem recht hohen Sockel, wie es sich für ein romantisches Originalgenie gebührt. Unnahbar und wild dreinblickend, von wirren Locken umwallt, ragt Beethovens Büste in Barenboims Klangmuseum auf, und der Dirigent erläutert den am Fuße des Kolosses Kauernden, warum man diesem Meister Ehrfurcht entgegenzubringen habe. Prachtvoll rauschen der samtene Luxusklang der Staatskapelle auf, wuchtig fahren die Blechbläser-Akkorde auf den Hörer nieder, auf dass er sich klein und unbedeutend fühle in dieser Kathedrale des Pathos.

Barenboims Emphase, das glückselig-naive Staunen, mit dem er sich Beethovens grandioser Musik hingibt, funktioniert zweifellos im Live-Konzert, wenn sich sein privates Überwältigtsein unmittelbar auf die Anwesenden überträgt. Doch "wie zum ersten Mal gespielt" klingen die Sinfonien bei ihm kaum. Weil der Lauschende aber nichts Unerwartetes über die Musik erfährt, kann sich auch nichts im Ohr festsetzen, klingt nichts nach dem Ende der Aufführung im Kopf weiter. Abbados Interpretation dagegen ist von jener Nachhaltigkeit, die der aufgeklärte Hörer von jeder künstlerischen Auseinandersetzung mit "den Klassikern" verlangt. Abbado fordert nicht zum stummen Staunen auf, er will erhellen, zum Weiterdenken anregen, Widerspruch provozieren. Sich völlig auf den Gegenüber einzulassen, genau zuzuhören, wenn er redet, seine Gedanken aufzugreifen - diese Tugenden sind lange aus der Mode gekommen. Nur hat sich Claudio Abbado eben damit niemals abgefunden.

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