Kultur : "Code: Unbekannt": Wir alle sind schuld an allen

Kerstin Decker

Haneke-Anfänge sind stark. Sie ziehen mit wenigen Strichen hinein in eine Welt, in die man überhaupt nicht will. Und aus der keiner mehr herauskommt, jedenfalls nicht unversehrt. In "Funny Games" betraten zwei Jungsadisten das Ferienhaus der Neuankömmlinge Ulrich Mühe und Susanne Lothar, um sich Frühstückseier zu borgen. Das folgende Kammerspiel der Vernichtung - moralisch, psychisch, physisch - erwies sich als unvergesslich. Haneke inszenierte es so, dass die Zuschauer die eigentlichen Opfer wurden. Gewalt macht Spaß? Aber nicht bei mir!, wiederholt Haneke fast mit jedem seiner Filme. Ob Haneke den neuen Takeshi Kitano gesehen hat? Vielleicht sollten die beiden mal einen Film zusammen machen.

Vorerst hat Haneke einen Film mit Juliette Binoche gemacht. Die hat mich angerufen, sagt der Österreicher, und wollte was mit mir drehen. Daraus ist "Code Unbekannt" geworden, und wieder gibt es einen Sadisten, Immobilienmakler, der Juliette Binoche bei einer Hausbesichtigung mitteilt, dass sie jetzt sterben muss. Die nahe liegenste Rückfrage wäre: Warum? Doch solche Erkundigungen sind ein Fest für jeden Sadisten. Großartig, wie die Binoche das spielt, den jähen Sturz aus alltäglichstem Alltag in die Gewissheit des Endes ein paar Minuten später, dazwischen ihr minutenweises Auftauchen, als wische sie sich einen schlimmen Traum von der Stirn - das alles wie gemeißelt auf ihrem schönen Gesicht.

Und doch, es geht um eine andere Art der Gewalt - nicht physisch, eher strukturell. Und weltumfassend. Es ist die Gewalt, die nicht Körper trifft, sondern Seelen, die Gewalt der neuen Unbehaustheit. Sie trifft sehr viele - zu viele in diesem Film? Was sie vielleicht am schwersten erträglich macht, ist ihre Absichtslosigkeit. Dass wir, schon indem es uns gibt, einem anderen die Luft zum Atmen nehmen. Diese Gewalt vernichtet anders.

So beginnt "Code: Unbekannt": Die Schauspielerin Anne (Juliette Binoche) tritt aus dem Haus, um sich die Zeitungen mit den Kritiken ihrer Premiere zu holen. Der jüngere Bruder ihres Mannes fällt ihr in die Arme. Jean ist gerade von seinem Vater (Josef Bierbichler) abgehauen. Vom Dorf. Gibt es etwas Engeres als ein Dorf? Minuten nur, und der kleine Bruder weiß, auch bei der Schwägerin ist er nicht wirklich willkommen. Er wirft den Geldschein, den sie ihm gab für ein kleines Frühstück nebenan, einer Bettlerin in den Schoß. Ein junger Schwarzer sieht das, packt Jean, will, dass er sich entschuldigt bei der Bettlerin. Der Junge wehrt sich. Die Polizei wird aufmerksam.

Haneke dreht das ohne Schnitt, immer mitgehend mit der Bewegung des Jungen. Auf einer morgendlichen Straße in Paris dreht Haneke den Schuldzusammenhang dessen, was ist. Er verfilmt den Umstand, dass die Unglücklichen einander immer noch unglücklicher machen. Und dass keiner dem entrinnt. Wenn Haneke hier aufgehört hätte - es wäre großartig. Aber er hört nicht auf, er fängt erst an. Dass es kein Entrinnen gibt, ist das Prinzip des Mythos. Seine Struktur ist das Netz. Und Haneke legt es aus. Die Geschichten von immer neuen Menschen wollen erzählt und verknüpft sein, bis - genau wie im Mythos - alles mit allem zusammenhängt: nach dem Gesetz der Schuldhaftigkeit.

Solche schneidende Versinnlichung des Abstrakten ist faszinierend. Und provoziert doch unseren Widerstand. "Code:Unbekannt" beginnt alle vier oder sechs Minuten neu, mit der nächsten Sequenz, die abbricht genau in dem Augenblick, da man nicht mehr damit rechnet. Jedesmal müssen wir uns umschauen, Gesichter, Landschaften, Schicksale zuordnen, und immer, wenn es gerade zu gelingen scheint, ist Schluss. Kino als Orientierungslauf mit Knobelaufgaben und kleinen Fallen unterwegs. Wer ist hier eigentlich der Sadist? Haneke!

Psychologisch gesehen ist der Film eine Katastrophe. Und: Sind die steten Neuanfänge und wohlverborgenen Spuren nicht aufklärerisch gemeint? Möchte irgendjemand seinen "Wahrnehmungsapparat" trainieren im Kino? In einer der schönsten und zugleich unangenehmsten Szenen des Films laufen Juliette Binoche und ihre alte Nachbarin auf einem Pariser Friedhof stumm nebeneinander her. Sie kommen von der Beerdigung eines Kindes, das im selben Haus wohnte. Anne hat es schreien hören. Sie hat sich, ihren Freund und die Nachbarin gefragt, ob man etwas tun müsste. Sie hat nichts getan. Es liegt eine Anklage in dieser stummen Begräbnisszene, ein Aufruf wie: Kommuniziert endlich miteinander! Macht Schluss mit dem Elend in der Welt!

Man möchte weglaufen davor, genau wie vor dem Wort "Kommunikation". Es gibt auch einen ästhetischen Selbstbehauptungswillen des Zuschauers, und der wehrt sich irgendwann dagegen, alles Leid in einem einzigen Film versammelt zu sehen - als Anklage und Illustration. Das ist die Crux. Es geht nie um das einzelne Schicksal, sondern immer schon um "alle". Das ist zu viel und zu wenig zugleich.

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