Kultur : COFFEE & TV, 1999

Einen Lieblingssong unter den vielen Blur-Lieblingssongs herauszuheben, ist verdammt schwer. Bei den Videos fällt das leichter. In dem Clip zu „Coffee & TV“ vom Album „13“ haben Blur der Milchtüte ein Denkmal gesetzt. Ein kleiner Tetrapak macht sich da beim Frühstück selbstständig, hüpft vom Tisch und aus dem Haus, offensichtlich auf der Suche nach Blur-Gitarrist Graham Coxon. Die Milchtüte tanzt durch die ganze Stadt, springt sogar auf ein Motorrad, immer lächelnd, obwohl ständig in Gefahr, getreten, gequetscht oder sonst wie misshandelt zu werden. Sie ist so hinreißend animiert, dass die Pixar-Studios neidisch werden könnten. Wer braucht Clownfische und Autos, wenn es eine Milchtüte tut? Als das Video herauskam, bekam ich das allerdings zunächst gar nicht mit. Ich war in Indien, wo die Musiksender lieber Bollywood-Kracher spielten. Drei Monate reiste ich so abgeschnitten von westlicher Musik durchs Land. Indien ist großartig, es kann einen aber auch großartig fertigmachen: zu viel Armut, zu viele Menschen auf einem Fleck. Privatsphäre ist ein unbekanntes Konzept. Und so kam ich eines Morgens früh um fünf übernächtigt und genervt in Bangalore an. 19 Stunden Zugfahrt lagen hinter mir. Bis ich ein Hotel fand, dauerte es. Mir wurde ein „very good room, Sir!“ versprochen, es war eher eine furchtbare Zelle. Immerhin: eine Zelle mit Fernseher. Um herunterzukommen, schaltete ich ein. Zwei Wunder geschahen: Der Sender spielte europäischen Pop. Und gleich das erste Lied war ein Blur-Song. „So give me Coffee and TV“, sang Graham Coxon (einer der wenigen Songs, in denen er singt). Die kleine Milchtüte sprang durchs Bild. Sie kam mir vor wie der Vorposten der westlichen Zivilisation. Die Milchtüte tanzte und tanzte. Sie zwinkerte mir zu. Ich summte noch drei Mal die Melodie. Dann konnte ich endlich schlafen. Tilmann Warnecke

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