Coldplay : Hymnen und Hiebe

Weinen wie ein Wasserfall: Coldplay und ihr fünftes Album „Mylo Xyloto“

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Von Graffiti inspiriert. Johnny Buckland, Chris Martin, Will Champion und Guy Berryman sind Coldplay. Foto: Sarah Lee/EMI
Von Graffiti inspiriert. Johnny Buckland, Chris Martin, Will Champion und Guy Berryman sind Coldplay. Foto: Sarah Lee/EMI

Ein beliebter Sport in der Pop-Welt ist das Herumgehacke auf Coldplay. Es hat im Laufe der Jahre das U2-Bashing in den Hintergrund gedrängt, zumal man ja praktischerweise beide trifft, wenn man gegen Coldplay schießt. Denn Bono ist eines der großen Vorbilder von Sänger Chris Martin, der sich wie sein irischer Kollege stark in Sachen Weltverbesserung engagiert. Der Vegetarier und Ehemann von Hollywood-Star Gwyneth Paltrow bekommt einen Großteil der Häme ab, die auf das Londoner Quartett niedergeht. Seine Herz- Schmerz-Songtexte werden ebenso ausgiebig bespöttelt wie sein Tenor- beziehungsweise Falsett-Gesang, den die „New York Times“ einmal „irgendwo zwischen Jodeln und Schluckauf“ einsortierte. Überhaupt seien Coldplay die „unerträglichste Band der Dekade“, schrieb der Kritiker weiter.

Mit ihrem fünften Album tut die Gruppe einiges dafür, dass die Attacken weitergehen. Mit einem geradezu traumwandlerischen Gefühl für das Uncoole rollt sie rote Teppiche für Angreifer aus. Das beginnt schon mit dem kaum auszusprechenden Titel „Mylo Xyloto“, ein Fantasiewort, das irgendetwas mit Kreativität zu tun haben soll. Dazu kommt die hanebüchene Aussage, dass die neuen Songs von amerikanischem Siebziger-Jahre-Graffiti und von der Münchner Widerstandsgruppe der Weißen Rose inspiriert seien. Und ein Konzeptalbum ist das Werk natürlich auch noch. Es dreht sich laut Band um ein Liebespaar in einem Überwachungsstaat der Zukunft, wovon man glücklicherweise beim Hören nichts mitbekommt.

Musikalisch konzentrieren sich Coldplay nach dem hochambitionierten „Viva La Vida Or Death And All His Friends“ (2008) wieder stärker auf ihre Kernkompetenz, den hymnischen Popsong. Gleichzeitig versuchen sie auch diesmal, sich weiterzuentwickeln, ohne allerdings ihren Willen zur Stilvielfalt derart auszustellen wie auf dem Vorgänger. Siebenminütige Stücke finden sich nicht auf der neuen Platte, an der die Band 18 Monate gearbeitet hat. Als guter Geist im Hintergrund wirkte Brian Eno, der „Viva La Vida“ produziert hatte. Zwei der damaligen Ko-Produzenten – Markus Dravs und Rik Simpson – waren zusammen mit Daniel Green die Chefs an den Reglern. Sie lassen Coldplay im klarsten Glitzersound erstrahlen und integrieren geschickt die elektronischen Elemente, mit denen die Band zaghaft so etwas wie Gegenwartsbezug anzudeuten versucht.

Programmatisch für diese Expedition steht die Single „Every Teardrop Is A Waterfall“, mit Four-to-the-floor-Bassdrum und einem Keyboard-Riff, das aus dem Eurodance-Kracher „Ritmo De La Noche“ von Chocolat stammt. Sängerin dieses ebenfalls auf einem anderen Song beruhenden Sommerhits von 1991 war übrigens Verona Feldbusch. Coldplay basteln daraus ein hübsches Stück Radio-Pop mit The Edge-artiger Gitarrenarabeit und schmalzigem Text. Das Bild von den Wasserfall-Tränen gefällt Chris Martin offenbar so gut, dass er es in der zweiten Single „Paradise“ gleich noch einmal benutzt. Da das Texten weiterhin nicht zu den Stärken des 34-Jährigen zählt, ist seine Entscheidung zu begrüßen, häufig einfach nur „Ohhoh ohhh“, „Woohoo“ oder „Uh Uh“ zu singen. In „Princess of China“, einem Duett mit R ’n’ B-Star Rihanna, tut es auch das klassische „Lalala“. In diesem Song geht die Modernisierungsstrategie der Band jedoch nicht auf. Der verschleppte Beat, das Keyboard-Geflacker und die beiden Gesangslinien finden nie recht zueinander. Auch das Rennauto-Geheule des unterbeschäftigten Gitarristen Johnny Buckland hilft der Sache nicht auf.

Das alles wird den Erfolg dieser Platte nicht aufhalten. Coldplay werden den bis dato 50 Millionen verkauften Alben eine stattliche Zahl hinzufügen. Und wie bei „Viva La Vida“, das in 36 Ländern auf Platz eins der Charts einstieg, auch wieder die Hitparaden dominieren. Denn „Mylo Xyloto“ ist ganz klar für den Massengeschmack produziert. Einen Schritt wie Radiohead ihn mit „Kid A“ gemacht haben, wagt das Quartett – einst als Radiohead light verschrieen – im 15. Jahr seines Bestehens nicht. Stattdessen bemühen sich Coldplay sichtlich, ihren Superstar-Status aufrechtzuerhalten. Neben den Kings of Leon gehören sie zu den wenigen Rockbands, denen es in den nuller Jahren überhaupt gelungen ist, in diese Höhen aufzusteigen – sowohl in Europa als auch in den USA. In einem immer stärker zersplitternden Pop-Markt ist das eine beeindruckende Leistung.

Chris Martin gab kürzlich zu, dass es anstrengend sei, nun auch mit Jungstars wie Justin Bieber oder Adele zu konkurrieren. Er denke gar übers Aufhören nach. Abgesehen davon, dass solche Sprüche der Verkaufsförderung dienen, haben Coldplay auf „Mylo Xyloto“ noch einmal alle Kräfte gebündelt, ohne dabei bemüht zu klingen. Vor allem Up-Tempo-Nummern wie „Charlie Brown“ oder das an Phoenix erinnernde „Hurts Like Heaven“ entfalten durch ihren dynamischen Aufbau sowie extrem eingängige Licks umgehend Hit-Appeal. Auch die dramatische Piano-Ballade mit Falsett-Refrain haben Coldplay natürlich noch im Programm. Es ist wohl ihre Art zu sagen: Dann lästert mal schön.

Mylo Xyloto“ ist bei EMI erschienen. Konzert: O2 World Berlin, 21.12., 20 Uhr

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