Collagen : Die Welt als Schnittmuster

Fehmi Baumbach recycelt Figuren, Muster, Texte - und kann, wahrer Luxus, von ihrer Kunst leben. Ihre Collagen erzählen vom Berlin der Nullerjahre.

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Das erste Bild heißt „Acetaldehyd“. Ein zusammengekrümmtes, größtenteils menschenartiges Wesen sitzt am Tisch, der Stuhl besteht aus zwei Plastikeimern, vor ihm stehen Gläser in unterschiedlichen Größen. Anstelle eines menschlichen Hauptes kreischt vom Hals ein Kätzchenkopf herunter. Acetaldehyd entsteht als Zwischenprodukt, wenn der menschliche Körper Alkohol verstoffwechselt. Es verursacht Kopfschmerzen, der Magen ist flau oder dreht sich gleich um, und gegen die Dehydrierung muss man Wasser trinken. Acetaldehyd ist der klassische Katerevozierer.

Wenn man das weiß, erkennt man auf Fehmi Baumbachs irgendwann Anfang des letzten Jahrzehnts entstandenem Bild im Kätzchen den Kater, in den Gläsern das Mineralwasser mit Aspirin, in den Eimern die Konsequenz der Übelkeit. Ihrer „Werkschau 2000 – 2010“ hat die seit fünf Jahren wieder in der niedersächsischen Provinz lebende Künstlerin dieses Bild vorangestellt. „My head is a bubble with interesting trouble“ heißt das Buch, es erzählt von persönlichen Zuständen, geistigen, emotionalen und körperlichen. Ohne sich zu sehr auf andere Kunst zu beziehen, und mit einer gewissen selbstgewählten und bewussten Ignoranz gegenüber der Umgebung.

Fehmi Baumbach, die 1971 in der Nähe von Braunschweig geboren wurde und nach einem Kunststudium dort 1996 nach Berlin zog, möchte sich nicht in einen bestimmten Zusammenhang bringen lassen. „Eigentlich würde ich gerne völlig kontextfrei arbeiten“, sagt sie im Interview am Telefon, während ein Lagerfeuer vor der kleinen Landresidenz prasselt, „aber der Weg dahin ist noch so weit“. Ihre fünfjährige Tochter schläft heute bei Freunden, ihr Freund ist für das Wochenende weg. Baumbach braucht Ruhe vom vollgepackten Landleben als freischaffende Künstlerin und Mutter.

„Bei mir verändert sich im Moment ganz viel“, erzählt sie. Eine Sehnenscheidenentzündung, die sie vom Arbeiten abhält, sieht sie als Symbol. „Ich hab jede Menge Ideen im Kopf, kann aber gerade keine Schere halten. Ich bin sehr gespannt, was jetzt passiert.“ Die letzten zehn Jahre waren jedenfalls busy. Baumbach veranstaltete seit der Jahrtausendwende gemeinsam mit Jim Avignon Kunstpartys, unter anderem die Reihe „Friendly Capitalism Lounge“. Man besetzte leer stehende Räume in Berlin, leitete sämtliche Energien in Kunst und Feiern um und machte das, was in Berlin so einfach ist wie nirgendwo sonst in Deutschland: Ein vages Integrieren von Kunst und Popkultur, zu dem sich dank einer gewissen Definitionsunschärfe alles Mögliche hoch- oder runterstufen lässt.

Das geht nicht in München, wo Kultur und Pop traditionell an unterschiedlichen Orten stattfinden, auch nicht in Hamburg, wo es an den Orten mangelt. Dass Baumbach vor ein paar Jahren mit ihrer Familie den Rückzug in die Provinz antrat, lässt ihre Bildern nun noch typischer für die hauptstädtischen Nullerjahre erscheinen. Die Ära der Freiräume und Zwischennutzungen ist auch in Berlin endgültig vorbei. Baumbachs Kunst hat eine starke Affinität zur Grafik. Sie schneidet, in bester Collagen-Tradition von Grosz, Heartfield oder Hannah Höch, Figuren, Köpfe und Muster aus und klebt sie zu neuen Arrangements zusammen.

Daneben setzt sie fast immer Buchstaben, oft sloganartige Kurztexte in ihrer Lieblingsschrift Alternative Gothic. „Kind frisst Hirn“ ist eines dieser Stimmungs(ab-)bilder, auf dem die Text- und Bildaussage keine weitere, tiefere Bedeutung braucht. „In der Öffentlichkeit setzten wir unsere dicken Superköpfe auf und taten so, als ob“, steht auf einem Blatt mit zwei Anzugträgern, deren Häupter ein Holzpilzmännchen und eine dekorative Blume sind, vor einem Hintergrund aus Landkarten und Fünfziger-Jahre-Resopalküchentisch.

Solche wie beliebige Dekorationen eingeworfenen Hintergründe fügen der im Baumbach’schen Sinne allgemeingültigen Aussage eine persönlich interpretierbare Fläche hinzu. Landkarten entfalten eine starke Symbolkraft, Muster aus der Nachkriegskindheit ebenso. „Wir, also meine Zielgruppe, stehen doch immer wieder vor den gleichen Situationen und Emotionen“, sagt Baumbach. „Ich rede gern darüber, höre zu und identifiziere mich in meiner Arbeit mit den Problematiken von anderen, und die identifizieren sich dann wieder mit meinen Bildern.“

Dass jenes „Wir“ die Bilder dann doch wieder in den ungewollten Kontext stellt, sei verziehen. Baumbachs mal nachdenkliche, mal schalkhafte und mal banale Aperçus sind weder kompliziert noch unamüsant und wirken dennoch nicht flach. Eine Kürzestgeschichte: „Legte ich mich fest in Zahlen, äußerte sich das schlecht mit Qualen. Flog ich lieber schnelle fort an einen steuerfreien Ort.“ Daneben sieht man ein weibliches Wesen im Roboter-Weltraum-Rock. Könnte fast ein Schwank von Heinz Erhardt zum Thema Finanzamt sein. Wer sagt denn, dass Kunst vor allem raffiniert sein muss?

Vielleicht ist diese Haltung ererbt. Die Mutter hat Fehmi Baumbach als Kind durch gemeinsames Kandinsky-Bilder-Abmalen einen angenehm unprätentiösen Zugang zur Kunst geschenkt. Mit Rebecca Horn und Ilya Kabakov, die Baumbach als wichtige Künstler in ihrem Leben bezeichnet, teilt sie die Lust an starker Symbolik, und obwohl ihre Bilder als Collagen dem Zweidimensionalen verhaftet bleiben , haben sie durch ihr Zusammengestückeltsein doch etwas Haptisches. „Ich fand es gut, reale Personen und Dinge zu nehmen, weil die schon eine bestimmte Haltung haben, die ich zeichnerisch gar nicht so ausdrücken könnte“, sagt sie.

Baumbach kann, wahrer Luxus, von ihrer Kunst leben, zusammen mit einem schreibenden Mann. „Wir schieben uns manchmal Geld hin und her, aber es geht“, sagt sie, trinkt den Wein aus, und will sich später zurück ans Lagerfeuer setzen. Am nächsten Tag könnte dann wieder das „Acetaldehyd“-Werk passen.

„My head is a bubble with interesting trouble“ ist im Mainzer Ventil Verlag erschienen und kostet 15 Euro.

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