Kultur : Computermühle

Die Stimme Südafrikas: J.M. Coetzee setzt mit „Die jungen Jahre“ seine Autobiografie fort

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Von Volker Sielaff

Da glaubt einer geradezu verzweifelt an das Unglück. Das Glück, redet er sich ein, könne einen nichts lehren, aber das Unglück stähle einen für die Zukunft. Wenn es nur nicht so müde machen würde, das Unglück. Aber was, wenn auch die Müdigkeit nur der Anfang ist, die erste Prüfung, deren es so viele gibt wie Kreise in Dantes Hölle? Und genausowenig, wie Dante und Vergil auf ihrem Höllentrip eine Geschichte erleben, sondern nur immer tiefer und tiefer in die Seelenpein hinabsteigen, so ist auch Coetzees Roman eigenartig statisch, kühl und distanziert. Nach seiner Autobiografie „Der Junge. Eine afrikanische Kindheit“ setzt der südafrikanische Autor nun die Beschreibung seines Lebens fort.

Bruder Pound

Der eigensinnige Junge aus der südafrikanischen Provinz ist der Kindheit entwachsen und sein Wunsch, Dichter zu werden, hat geradezu beängstigende Ausmaße angenommen. Ein hochmütiger, junger Mann ist aus John geworden; im verregneten London sitzt er und wartet auf seine Verwandlung. Mit den Großen der Zunft fühlt er sich schon verwandt; mit Ezra Pound, der ihn gegen die billigen Sentimenatlitäten der Romantiker und Viktorianer aufbringt, mit Eliot oder mit Joseph Brodsky, der in einem Lager auf der Halbinsel Archangelsk im eisigen Norden Russlands, zu fünf Jahren Zwangsarbeit verurteilt, Baumstämme sägt und an seinen erfrorenen Fingern herumlaboriert. John, in seinem beheizten Zimmer in London, träumt davon, der Russe dort im Lager möchte wenigstens von ihm, dem angehenden Dichter, etwas wissen – dass es ihn gibt, dass er mit ihm „dieselbe Erde bewohnt“. Ist das nicht auch romantisch?

In dieselben Fallen, die er für die Dichtkunst vehement ablehnt, tappt dieser junge Wilde, wenn es um sein eigenes, mehr oder weniger unbefriedigendes Leben geht. Coetzee spielt nur mit den Klischees, denen der junge Künstler, Alter Ego des frühen Cotzee, noch auf den Leim geht. Und dazu braucht es den kühlen, distanzierten Ton, erweist der sich als großer Vorteil, zumal, wenn man in den eigenen seelischen Tiefen gräbt.

Wie sein Alter Ego hat Coetzee selbst Mathematik studiert und bei IBM in der Computerbranche gearbeitet, ehe er sich, später, viel später, einen Dichter nennen durfte. „Bereitsein ist alles“, lautet die Losung, die er John einmal in den Mund legt: bereit für das heilige Feuer, für Liebe, Wahnsinn, Sex. Alles das, woraus ein Dichter eben schöpft. Glaubt er. Denn dieser John möchte lieber wahnsinnig als normal sein, wenn der Wahnsinn notwendig zum Dichterberuf gehören sollte. Aber auch da hat er so seine Zweifel. Kann das Leben am Rand des psychischen Zusammenbruchs nicht genauso einträglich für die dichterische Produktion sein, wie das Leben am Rand des Wahnsinns? Eliot, Stevens, Kafka, sie alle schufteten doch in Büros und wurden trotzdem große Dichter. Wie wird man das also, ein Dichter?

Warten auf das Schicksal

Eigentlich führt er ein lausiges Leben. Um die Welt zu erobern, und auch aus Abscheu gegen die Apartheidpolitik in seinem Land, war er einst ausgezogen, und was hat er nun davon? John fühlt sich fremd in London, wo man sich ständig zusammenreißen muß, um nur ja nicht abzustürzen. Und statt zu schreiben, rutscht er in einen routinierten Alltag mit Sonntagszeitung, Kinobesuchen, ein paar unglücklichen Liebschaften. Ansonsten passiert nicht viel, ansonsten denkt John über sein Schicksal nach. Das heißt, er wartet darauf, dass es ihm eines Tages endlich heimsucht. Er ist bereit.

Aber wie erzählt man von einem Zustand des bloßen Bereitseins, zum Dichter, zu was immer, wie erzählt man diesen Augenblick vor dem Schreiben? Coetzee ist hier fast das Unmögliche gelungen. Erst am Schluß des Buches verrät er uns sein Rezept. Es ist Becketts Roman „Watt“ abgelauscht, den John auf einer seiner Expeditionen in die Buchhandlungen Londons entdeckt: „Es gibt keine Auseinandersetzung, keinen Konflikt, nur der Fluß einer Stimme, die eine Geschichte erzählt, ein Fluß, der ständig von Zweifeln und Skrupeln kontrolliert wird und dessen Geschwindigkeit genau der Geschwindigkeit seines Geistes entspricht“, heißt es über „Watt“.

Es ist dieser langsame Fluß einer Doppelstimme aus Autor und Alter Ego, mit dem wir die Höllenkreise von Zweifeln und Skrupeln durchwandern. Die Handlung schreitet nicht fort, es gibt keine Plots; vielmehr gräbt sie sich ins geplagte Ich des jungen Helden ein wie ein Korkenzieher, nur, dass am Ende kein Korken knallt, sondern die völlige Ermattung steht.

In der Tretmühle der britischen Computerindustrie kommt John schließlich sogar seine Sehnsucht abhanden und er „kann nicht umhin, eine Verbindung zwischen dem Ende der Sehnsucht und dem Ende der Poesie zu sehen. Bedeutet das, er wird erwachsen? Läuft das Erwachsenwerden darauf hinaus: dass man der Sehnsucht entwächst, der Leidenschaft, allen starken Seelenregungen?“ Beginnt so ein Künstlerleben?

Früchte der Großstadt

Dieser John, das ist natürlich J.M.Coetzee selbst. Mit gottverlassenen Helden, mit Außenseitern der Gesellschaft, kennt dieser Autor sich bestens aus; nicht zufällig dürfte er für einen seiner Romane („Der Meister von St. Petersburg“) probeweise in Dostojewskis Seele geschlüpft oder, in einem anderen („Mr. Cruso, Mrs.Barton & Mr. Foe“), mit Robinson auf eine einsame Insel gereist sein. Auch John ist ja eigentlich so ein Robinson im modernen Großstadtdschungel, der sich mehr schlecht als recht durchschlägt; und die Früchte hängen hoch. Er ist das Negativ des wahren Coetzee, der das alles, wovon er uns erzählt, erfahren, durchlebt haben muß, bevor er es poetisieren, aufschreiben konnte. So weit aber ist John noch lange nicht.

„Die jungen Jahre“ ist ein grandios geschriebenes Buch der frühen Schmerzen, die wohl vor jedem Künstlerleben stehen. Es genügt nicht, von Filmdiven wie Monica Vitti zu träumen und sich für abstrakten Expressionismus zu interessieren, das muß auch John erfahren. Und wer weiß, vielleicht ist die Fremde eine gar zu hinterlistige Verheißung?

Programmieren oder Erschießen

Als ihn jedenfalls eine Freundin aus Südafrika in London besucht und er sie nur ein paar Afrikaans-Worte sprechen hört, merkt er, dass sich die Heimat nicht so leicht verdrängen lässt, wie er geglaubt hat. Coetzee lässt offen, ob sein Held sich wirklich erschießt („Mit dreißig ist man zu alt zum Programmieren: man wird dann etwas anderes, oder man erschießt sich“), oder ob er ihn nach Südafrika zurück gehen läßt. Oder ob es John doch noch gelingt, die Dinge auf den Postweg zu bringen und Schriftsteller zu werden. Wie Coetzee.

J.M.Coetzee ist ein großer und unprätentiöser Roman von beeindruckender innerer Aufrichtigkeit gelungen. Man könnte sich einen dritten Teil dieser Biografie eines werdenden Künstlers gut vorstellen, der würde dann wohl von der unendlichen Ankunft im Schreiben handeln müssen. Doch vielleicht sitzt der zweifache Booker-Preisträger ja schon daran, die schwerste Etappe liegt nun bestimmt hinter ihm.

J.M.Coetzee: Die jungen Jahre. Übersetzt von Reinhild Böhnke. S.Fischer Verlag, Frankfurt 2002. 220 Seiten, 18.90 Euro.

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