Kultur : "Conserving": Am Anfang war der Fisch

Kerstin Decker

Zwei Fotografen hörten, das Naturkundemuseum Berlin besitze sagenhaft viele tote Fische. Nicht in der Ausstellung, eher im Keller. Im Archiv. Es handelte sich demnach um gänzlich ungesehene Fische, einen quasi illegalen Ozean in Berlin. Aber schlecht beleuchtet wie die Tiefsee. Daniel und Geo Fuchs betraten die Archive des Naturkundemuseums und dachten etwas doch Überraschendes. Sie dachten: Die leben ja! - Vielleicht trug zu diesem Eindruck maßgeblich bei, dass Fische auch vor dem Tode den Aggregatzustand des Flüssigen bevorzugen. Nun gut, hier war es nicht Wasser, es war Formalin. Aber sieht man das?

Sieht man nicht, befanden die Fotografen und begannen, die toten Fische des Naturkundemuseums zu fotografieren, so als wären um sie herum nicht Hunderte von Gläsern, Regalen, sondern der Ozean, leibhaftig. Der tote Formalin-Fisch ist die ultimative Widerlegung des Weltbilds des "Körperwelten"-Plastinators vom Ostbahnhof. Professor von Hagens findet, dass alles, was in Formalin liege, so deprimierend blass aussehe. Irgendwie tot. Von Hagens mag kein Formalin. Nun sieht aber ein Formalin-Fisch ganz sicher viel lebendiger aus als ein plastinierter Fisch.

Keine Ahnung, ob die Fotografen Daniel und Geo Fuchs den Plastinator kannten, als sie 1995 anfingen. Unwahrscheinlich auch, dass sie ihm etwas beweisen wollten. Doch Daniel und Geo Fuchs haben ein neues Genre der Fotografie erfunden: das Formalin-Bild. Es gibt auch die Unterform der Spiritus-Bilder. Und die kann man sich jetzt im Medizinhistorischen Museum der Charité anschauen, da wo Rudolf Virchow einst eine ganze Mythologie einweckte. Sirenen, Zyklopen, Janusköpfige in Gläsern. Lauter menschliche Missbildungen. Auch Daniel und Geo Fuchs haben die schon gesehen. Denn kein Fotograf der Welt kann sein Leben lang Fische fotografieren. Zuletzt fotografierten sie "Rammstein", die Rockgruppe. "Rammstein", in Formalin eingelegt. Seit gestern gibt es die neue CD "Mutter" mit dem Formalin-Cover. Ein bißchen blass, da hätte von Hagens recht, sehen die Musiker schon aus. Allerdings erkannte man Rocker schon immer an ihrer ungesunden Gesichtsfarbe.

Gegenschau zu "Körperwelten"

Seltsamer neuer Ägyptizismus. Eine ganze Popkultur des Todes. Nein, es stimmt nicht, wir verdrängen den Tod gar nicht. Die Erlebnisgesellschaft macht ihn vielmehr zu etwas, was ihr entspricht. Sie macht den Tod zum Erlebnis, macht ihn lebendig. Neu aber ist die arglose Vermischung der Bereiche. Von Hagens ist so eine Übertrittsgestalt zwischen Wissenschaft und Popart, und nun steht man vor den Fotografien in der Ruine des alten Pathologie-Hörsaals, umstellt von Waldkäuzen, Echseneiern, Kinderköpfen, einer von 1690, der andere, mit türkischer Mütze, ein paar Jahre später, dazu eine Menschenhand mit Pappschild dran, von 1923. Bärentatzen, Erwachsenenköpfe, Meerbarsche, tatöwierte Brustwarzen und Schneehasen sind auch da. Conserving fish. Conserving animals. Conserving humans. Vom Fenster an der Stirnseite blickt man hinüber in Richtung Kanzleramt. Davor liegt jetzt die Gesichtshaut eines Neugeborenen. Es gibt sie doppelt. Einmal als Präparat, einmal als Fotografie. Auf dem Bild sieht sie aus wie ein lustiger roter chinesischer Lampignon. Mit Löchern in der Mitte. Als hätte jemand ein Gesicht ausgeschnitten. Es steht nichts dran an den Bildern. Denn das hier ist eine Kunstausstellung. Und doch wird man die Frage nicht los, was das für ein riesenhafter Tumor sein mag am After eines Totgeborenen. Auf der Legende die Nummer suchen: "6: Fetus mit Steißeratom".

Im Nebenraum, in der Präparatesammlung steht das Original. Das Steißeratom, lesen wir, nennt man auch "Wundergewächs" weil es versprengte Keimanlagen enthält, Haare, Knochen, sogar Zähne. Aus nüchternstem Interesse hat man diesen Fötus einst konserviert. Die Fotografen möchten dieses Interesse löschen, sie machen das umgebende Glas unkenntlich, sie geben dem Fötus eine Aura. Ganz hell, leuchtend beinahe scheint er zu schweben vor schwarzem Hintergrund. Eine Gloriole des Lebens?

Zwei junge Mädchen stehen vorn am Eingang. Die eine ist Praktikantin am Museum, die andere arbeitet eigentlich im Sektionssaal der Pathologie nebenan und nur jetzt an der Kasse. Beide finden die Ausstellung faszinierend. "Die wirken alle irgendwie lebendig, obwohl sie ja tot sind. Und kein bisschen schrecklich." Die Praktikantin fragt jeden Ermäßigungsberechtigten vorschriftsgemäß nach dem Ausweis. Die Rentnerin ruft: "Wieso Ausweis, sehen Sie denn nicht, dass ich alt bin?" Ja, das ist die Frage, was sehen wir? Wann bemerken wir die tiefe Stirnkerbe in dem Gesicht mit den halbgeschlossenen Augen und dass manche Schädel knapp über den Brauen jäh und scharfkantig enden? Diese Augen bleiben immer tot. Die der Fische und die der Menschen. Sie können den Blick nicht erwidern. Welch seltsamer Totenkult.

Thomas Schnalke, der Leiter des Medizinhistorischen Museums, sieht das ganz anders. Er hatte Idee zur Foto-Ausstellung. Schließlich haben Daniel und Geo Fuchs auch bei ihnen fotografiert wie in anderen anatomischen Sammlungen Europas. Einfühlsam findet er die Fotos, schließlich seien die Präparate doch "ganz schön heavy", und nun sind sie sogar irgendwie schön. Auch von Hagens störte schon, dass Leichen manchmal "ganz schön heavy" aussehen. Vielleicht bilden er und die beiden Fotografen eine unterirdische Arbeitsgemeinschaft zur Abrüstung des Todes? Es ist die Signatur solcher Zeitalter wie des unseren, dass sie fast alles integrieren möchten. Und ausgerechnet der Tod will nicht? Schließlich, sagt der Museumsdirektor, hätten seine Exponate auch eine öffentliche, quasi lebensweltliche Seite. Und genau da komme die Kunst ins Spiel. Künstler sind für mich Autoritäten der Lebenswelt, befindet Schnalke.

Blicke ohne Angst

"Autorität der Lebenswelt". Ob Adorno diese Definition des Künstlers verstanden hätte? Der Fotoband "Conserving" stellt sich ein Adorno-Zitat voran: "Die Bilder dünken die gelungensten, in denen das absolut Gleichzeitige wie ein Zeitverlauf scheint, der den Atem anhält." Adorno, der das Christentum über die Philosophen erhob, weil es wider alle Vernunft nicht nur an die Unsterblichkkeit des Geistes glaubte, sondern an die leibhafte Auferstehung -, Adorno soll den Kronzeugen geben dieser gut ausgeleuchteten Auferstehungen? Auffällig sind immer wieder die Farben. Solche Pastelltöne kriegt von Hagens mit seinen Plastiktoten nicht hin. Aber dieses Gelb und dieses Grün, reine Hieronymus-Bosch-Farben. Also doch Nachrichten aus dem Reich des Unerlösten.

"Conserving". Es ist unmöglich, das Entseelte neu zu beseelen. Authentisch an diesem Wiederbelebungsversuch in Formalin war wohl der Augenblick, als Daniel und Geo Fuchs im Naturkundemuseum die toten Fische sahen und dachten: Die leben ja! Aber es war ein Moment. Nicht zu bewahren zwischen den Buchdeckeln dicker Fotobände und Austellungen mit dem Todes-Titel "Conserving".

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