Kultur : COUNTRY HOUSE, 1995

Automatisch auf der Seite der Verlierer sein – ein lauwarmer Reflex der Ehrgeizlosen. Doch so war ich eben damals drauf, in diesem Club namens „Odeon“ in Münster. Die Leute breiteten die Arme aus und sangen: „To-day is gonna be the day / That they’re gonna throw it back to you …“ Die Anfangszeilen von Oasis’ Smashhit „Wonderwall“, ein Grölwunder. Manche sagten: der beste Song der Welt. Ich sage: Warum erinnert sich eigentlich niemand, dass zur selben Zeit „Country House“ von Blur veröffentlicht wurde?

Damals stand ich mit verschränkten Armen an der Bar. Als Blur-Fan. Auch wenn „Country House“ – na ja – nicht unbedingt die Schaumkrone des Könnens meiner damaligen Lieblingsband war, so vermochte er doch immerhin, mich an einen unserer Französischlehrer zu erinnern. Der war wie der zynische Protagonist des Songs in einem feuchten Landhaus versackt: „He’s reading Balzac and knocking back Prozac“.

Abgesehen vom Releasedatum und diversen Britpop-Gemeinsamkeiten gibt es eine inhaltliche Gemeinsamkeit, über deren Ursprung seit jeher kontrovers diskutiert wird: In „Country House“ fällt der Terminus „Morning Glory“. Angeblich ein irrer Zufall, dass Oasis ihr Debüt „(What’s the Story) Morning Glory“ nannten. Seit 1995 hat Großbritannien endlich nicht nur einen Soundtrack zur morgendlichen Erektion, sondern gleich zwei!

Zurück ins Münsteraner „Odeon“. Den Battle of Britpop hatte dort eindeutig Oasis gewonnen.

Als „Country House“ lief, war ich zusammen mit ein paar versprengten, unbeugsamen Lehramtsanwärterinnen in hautengen, spitzkragigen Sixties-Blusen allein im Tanzflächennebel. Das Gefühl, wenn man plötzlich merkt, dass der geschätzte Song doch nicht sooo tanzbar ist, ist … ach. Aus Zuneigung zu Blur (und in Erinnerung an das weitaus tanzbarere „Girls & Boys“) hielten wir mit zusammengebissenen Zähnen durch, bis der DJ ausfadete und sicherheitshalber erneut zum massenkompatiblen „To-day is gonna be the day“ überging. Ich würde es immer wieder tun.

Esther Kogelboom

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