Kultur : Crash!

Surrealismus der amerikanischen Seele: das Künstlerduo Teresa Hubbard und Alexander Birchler bei Barbara Thumm

Ronald Berg

Die Konfusion beginnt schon beim Einstieg: Teresa Hubbards und Alexander Birchlers Video „Single Wide“ hat keinen richtigen Anfang, sondern läuft im verdunkelten Projektionsraum der Galerie Barbara Thumm in einer Endlosschleife. Doch obwohl der loop in der Videokunst nahezu prinzipiell benutzt wird, unterscheidet sich dieses Werk von anderen, da sich auch inhaltlich weder Beginn noch Ende der verwobenen Handlung bestimmen lassen.

Wenn also ein Einstieg so gut wie der andere ist, könnte man beim Klingeln eines Telefons beginnen: Die Kamera fährt durch die Zimmer eines typisch amerikanischen Mittelklassehäuschens, ohne von den Wänden dazwischen aufgehalten zu werden, dann wieder durch die Wand aus dem Haus heraus. Ein Pick-up-Truck kommt ins Bild. Eine Frau mit einer Stirnwunde und einer großen Tasche sitzt darin, sie weint, ihr Handy klingelt, dann wird sie wütend, sie fährt los und durchbricht mit ihrem Auto die Wand des Leichtbauhauses. Der eigentliche Crash bleibt unsichtbar, weil die Kamera genau in diesem Moment wieder in das Haus hineinfährt, so dass die Außenwand beim Passieren wie eine kurze Schwarzblende wirkt. Hier im Inneren sehen wir das halb in der Küche steckende Auto. Wieder fährt die Kamera aus dem Haus heraus, beobachtet den Versuch der Frau, aus der eingeklemmten Tür des Wagens auszusteigen, und taucht dann wieder ins Haus ein, um die Frau dabei zu begleiten, wie sie ihre Blessuren im Spiegel betrachtet, jene schon bekannte Tasche aus dem Auto packt und aus dem Haus geht. Hier klingelt nun wieder das Telefon, und die Sequenz beginnt aufs Neue.

Die in immer enger werdenden Zirkeln das Geschehen einkreisende Kamera entspricht dem zirkulären Handlungsstrang, der den Auf- und Ausbruch aus dem Zuhause in einer Art von Implosion immer wieder in ebenjenes Haus zurückbringt. Warum der vergebliche Aufbruch und die ewige Wiederkehr stattfinden und wer die Telefone klingeln lässt, bleibt offen. Die mild beleuchteten, nächtlichen Bilder und das stumme, nur durch den unartikulierten Wutausbruch unterbrochene Agieren der Protagonistin geben eine elegische Stimmung vor, aber keine Erklärung. Die ständig in Bewegung befindliche Kamera lässt eine Fixierung des Sinns der Situation nicht zu. Alles ist im Fluss, die Handlung bleibt unabgeschlossen, als müsse sie sich zwanghaft wiederholen.

Der Titel der Videoschlaufe mag eine Anspielung auf die Enge der dargestellten Existenz sein, im Grunde aber bezeichnet „Single Wide“ nur die Größe des im Film vorkommenden Hauses. Da manche Amerikaner zum Umzug ihre Häuser einfach auf Lastwagen laden, bedeutet „Single Wide“ schlicht, dass ein Haus die Breite einer Fahrbahn habe. Der längliche Querschnitt des „Single Wide“-Hauses mit den hintereinander liegenden Zimmern bietet sich für die Kamerafahrt durch das Gebäude geradezu an. Um den Effekt der durch Wände gleitenden Kamera zu erzielen, haben Hubbard und Birchler zudem das Haus einmal der Länge nach durchgeschnitten. Der technische Aufwand für ihren rund sechsminütigen Videoloop war nicht viel geringer als der einer Kinoproduktion. Allerdings übernimmt das amerikanisch-schweizerische Künstlerduo bei seinen Produktionen gleich mehrere Aufgaben selbst: Von Storyboard, Casting, Requisite, Beleuchtung, Regie bis zum Schnitt des hochauflösenden, digitalen Videomaterials bewerkstelligen sie alles selbst, unterstützt werden sie allenfalls durch wenige Assistenten und Kameraleute.

Das international erfolgreiche Paar – das Video wurde im Rahmen der Art Unlimited auch auf der diesjährigen Art Basel präsentiert – lebt nach einem längeren Berlin-Aufenthalt seit zwei Jahren in Texas. Die Inspiration für ihre Geschichten nehmen Hubbard und Birchler immer der alltäglichen Umgebung. Und dass jemand gerade im autovernarrten Amerika in ein Haus fährt, mag als skurrile Meldung in den zahlreichen vorabendlichen Sensationsjournalen schon einmal vorkommen. Der Film indes bringt den Vorfall auf eine irreale Ebene, die den traumatischen Moment ins Zentrum rückt.

Vielleicht dringt das tragisch-absurde Ereignis in Hubbard/Birchlers Video (10er-Auflage 14 000 Dollar, Standbilder auf Fotopapier 6000 Dollar) sogar noch tiefer in die amerikanische Seele. Denn in einer Gesellschaft, die wie keine andere auf Mobilität und Fortschritt fixiert ist, bedeutet ein Sichfestfahren die wohl größte anzunehmende Katastrophe.

Galerie Barbara Thumm, Dirksenstraße 41; bis 2. August; Dienstag bis Freitag 11–19 Uhr, Sonnabend 13 –18 Uhr.

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