Kultur : D.H. Lawrence als Dichter: "Vögel, Blumen und wilde Tiere"

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In einem soeben erstmals auf Deutsch erschienenen Gedichtband verherrlicht D.H. Lawrence, der große englische Romancier, "Blumen, Vögel und wilde Tiere". Seine freirhythmischen Langzeilen aus den Jahren 1920 bis 1923 feiern die Lebewesen als Ausdruck ungezügelter Vitalität, ebenso unbescholten wie obszön. Pfirsiche und Feigen erinnern den Dichter an weibliche Geschlechtsteile; der lustvolle Schrei einer "Schildkröte in extremis" befeuert des Sprechers ekstatische Erregung.

Freilich beschränkt sich der Vitalismus des Dichters nicht aufs Sexuelle: Die "Zypressen" der Toskana scheinen ihm treue Zeugen menschlicher Hinfälligkeit zu sein, lebendig und unsterblich zugleich. "Es gibt nur ein Böses: Leben zu verneinen" - Lawrences Credo erinnert an Nietzsche. Seine Feier der belebten Natur ist Ausdruck des Menschenhasses, mit dem Lawrence auf den Ersten Weltkrieg reagierte. "Menschen: Das einzige Tier auf der Welt zum Fürchten!", heißt es im Gedicht "Puma". Und etwas später: "wie leicht könnten wir in der Welt da draußen auf ein oder zwei Millionen Menschen verzichten, / ohne sie je zu vermissen. / Doch welch eine Lücke in der Welt: wenn das weiße Frostgesicht fehlt jenes schlanken gelben Pumas!" Die Naturlyrik, mit der Charles Tomlinson und Ted Hughes die englische Lyrik nach 1945 prägten, wäre ohne solche Vorarbeit undenkbar. Der von Wolfgang Schlüter sprachmächtig übertragene Band bietet Gelegenheit, den Romanautor Lawrence auch als großen Lyriker kennenzulernen.

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