Kultur : D-Mark: D-Mark, ade!

Der Berliner Schriftsteller Jens Sparschuh ("Der Z

Das hörte und das las man in der letzten Zeit oft: "Abschied von der D-Mark!" Und das klang, trotz unterschiedlichster Ton- und Stimmungslagen, immer ziemlich herzzerreißend - nach Großem Bahnhof, nach Rußpartikeln im Auge und nach ganz viel Taschentuch. Noch und noch wurde und wird um- und umgerechnet. Jetzt ist es aber vorbei damit - und amtlich: Schlussaus mit der doppelten Währung.

Ich frage mich nur, warum es bei mir mit den Rührungstränen des Abschieds nicht so recht klappen und da überhaupt gar nichts übertropfen wollte. Das kann doch nicht nur an der vielbeschworenen ostdeutschen Kälte und Hartherzigkeit gelegen haben?

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Gut (oder auch nicht gut), wir kannten uns ja kaum - die gute alte D-Mark und ich, der bummelige Spätheimkehrer aus dem Osten. Zehn Jahre sind keine sehr lange Zeit.

Trotzdem. Erinnert sich heute vielleicht noch jemand an die drohenden, wahrscheinlich sogar ernst gemeinten Nacht& Nebel-Sprechchöre, die 1989, in dieser grauen Vorzeit des NEUEN DEUTSCHLANDS, auf den Straßen des Ostens zu hören waren: "Kommt die D-Mark nicht nach hier / gehen wir zu ihr!"

Die D-Mark ist damals, sicherheitshalber, nehme ich an, schnell, um das Schlimmste zu verhüten, hierher gekommen; und jetzt geht sie eben wieder. Doch wohin sollen nun diejenigen gehen, die sich ihr seinerzeit mit so viel Herz & Seele verschrieben hatten? Die ihr auf nachtkalter Straße ewige Treue geschworen hatten und auf Teufel-komm-raus überallhin folgen wollten? Große Ratlosigkeit.

Als die D-Mark, die bewährte Währung, 1990 in den Osten kam, hat sie, wie es nun mal beim Geld so ist, vieles bewirkt, Gutes und weniger Gutes. Geld ist wohltuend neutral. Indem es das Prinzip der Vergleichbarkeit (Austauschbarkeit) einführt, ist es demokratisch. Und ein bisschen langweilig ist es eben auch, weil manches, was man partout nicht vergleichen kann (Äpfel, Birnen, Erfahrungen), da schon mal unverbucht unter den Tisch fällt. Insofern hat Geld einen nicht zu unterschätzenden Hang zur Gleichmacherei! Ideologien, mit ihren Fahnen, Aufmärschen und Uniformen, die sich nichts anderes als das ja immer wieder erträumen, können angesichts solch stolzer Erfolge des Geldes nur neidisch erblassen.

Dennoch: Die härteste Währung, die ich je kannte, die mein Herz erweichte und an der sich noch jede vernünftige Ökonomie die halbwegs festen Zähne ausgebissen hat, war die DDR-Mark. Ein grüner lappiger 20-Mark-Schein - das war schon fast die halbe Miete für eine Wohnung in Ostberlin! Goethe (doppelt so viel wert wie Schiller = 10 Mark) guckte von diesem Schein ernst und wissend in die realsozialistische Welt. Vgl.: "Alles, was entsteht, ist wert, daß es zugrunde geht." Stimmt, das Haus steht heute nicht mehr. Ein Windstoß hat es irgendwann fortgetragen. Genauso wie auch die seltsamen Blüten des Ostgelds. Eine unwirkliche Zeit. Aber in diesem Haus habe ich doch wirklich gelebt, einige Jahre, nicht nur zum Schein - auch wenn wir die Scheine des Ostgelds damals in Übermut und Leichtsinn (Unkenntnis, sage ich heute) Spielgeld nannten.

Nach allem, was ich inzwischen 1. über Geld, 2. über Geschäfte und 3. über Geldgeschäfte weiß, muss ich sagen, Spielgeld ist nicht das Verkehrteste, was sich vom Geld sagen lässt. Nach Lage der Dinge und leerer Kassen konnte der Euro nicht dem leuchtenden Beispiel der D-Mark folgen und mit einem Begrüßungsgeld goldig, wie eine Sonne, am Horizont aufgehen. Aber warum dann nicht wenigstens noch ein kleines Abschiedsgeld von der D-Mark?

Von wegen! Ein Gesellschaftsspiel, das Gewinner hat, braucht natürlich Verlierer. Sonst klappt das Ganze ja gar nicht. Auch infolge der Euro-Umstellung hat es soziale Härtefälle gegeben. Einen davon kenne ich persönlich: René - Ex-Schulkamerad und seit 1990 Besitzer einer Heizungsbaufirma in Brandenburg. Zehn Jahre hat er sich abgeschuftet, nur Stress und nie Urlaub. Zum Ausgleich dafür hat er uns bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit dem Spruch genervt: "Die erste Million ist die schwerste." Und dann, eines Tages, war es soweit (seine Schwiegermutter eröffnete es uns schon vorne, am Gartentor): Die erste Million! Wir, die ganze Bande von früher, versanken im Boden.

Und nun? Tauchen wir wieder auf: Durch den Euro ist René nämlich unversehens aus der gerade (mal so) erreichten Millionärsklasse wieder herausgerutscht - und hinab ins soziale Abseits der Nichtmillionäre. Ist plötzlich deklassiert, wieder einer von uns. Und erinnert sich: "Mensch, det hatten wir doch allet schon mal. Damals, bei der Umstellung auf die Westmark. Eins zu Zwei. Da war et doch ooch schon mal alles nur noch die Hälfte. Hört denn der Irrsinn nie auf?"

Nein, René.

"In Geldsachen hört die Gemütlichkeit auf" souffliert mir hier, an den Ernst der Lage gemahnend, zahnlos-weise der Volksmund. Und (auch das noch!): "Geld allein macht auch nicht glücklich!"

Aber solange dieser dumme Volksmund mir nicht endlich mal verrät, wo denn die Gemütlichkeit anfängt und was, bitteschön, einen glücklich macht - was soll ich ihm da schon glauben? Also nur ein sehr leiser Nachruf auf die D-Mark. Und Abschiedstränen? Egal, in welcher Währung: für kein Geld der Welt.

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