Kultur : Da hilft kein Knoblauch

Arno Paul

Es klingt wie ein alternativer Wunschtraum: Seit mehr als vierzig Jahren widerstehen sie dem Drang, gefallen zu wollen, und sind dem Establishment meist eine kritische Nasenlänge voraus gewesen. Ein kalifornisches Straßentheater, die San Francisco Mime Troupe, hat dieses Piratenstück wie selbstverständlich vollbracht, und es sieht so aus, als würde der bunte Haufen komödiantischer Multitalente seine scharfe Linkskurve mit unvermindertem Schwung fortsetzen können.

Zum ersten Mal seit 14 Jahren gastieren die quirligen Troupers wieder in Berlin; anlässlich des "Maulhelden"-Festivals im neuen Tempodrom, dessen Gründungssaison sie 1980 in der damaligen Ödnis des Potsdamer Platzes mit eingeläutet hatten. Auch mit ihrem jüngsten Stück biegt die Mime Troupe ein heißes Eisen genüsslich gegen die Verantwortlichen zurück. Diesmal rückt man den neuen Machthabern im Weißen Haus auf den Leib, deren Taten seit dem 11. September von ultrapatriotischem Weihrauch vernebelt werden, auch wenn sie auf zweifelhaften Methoden gründen.

"1600 Transsylvania Avenue" ist ein gekonnt trashig aufgezogenes Polit-Grusical, das den Amtssitz des US-Präsidenten (Adresse: 1600 Pennsylvania Avenue) in das finstere Reich des Grafen Dracula verlegt. Doch lässt die Mime Troupe den amtierenden Präsidenten nur vordergründig als Obervampir agieren. Wie im wirklichen Leben spielt George W. am liebsten den verzogenen Berufssohn, dem es gefällt, als Show-Man für die das Land tatsächlich regierenden "Bloodsucker" zu figurieren: die Konzernbosse, die mit Dick Cheney bekanntlich auch den gegenwärtigen Vize-Präsidenten stellen. Mehr sei dazu um der Pointe willen nicht verraten.

Blood simple

"Corporate bloodsuckers" ist die von der Mime Troupe gezielt vulgärmarxistisch gewählte Bezeichnung für die finsteren Machthaber. Die Pratiken der Verfechter einer totalen Marktwirtschaft werden mit den dämlichsten Mitteln der Trivialästhetik exhumiert. Da heulen die transsylvanischen Wölfe schaurig im Off, wenn von den Drahtziehern im Weißen Haus neues Unheil droht, und eine garstige Fledermauspuppe geht den Bürgern an die Kehle, wenn big business ein neues Opfer seiner unersättlichen Profitgier benötigt.

Als ominöser Gegenspieler operiert, wie kann es anders sein, ein schrulliger Professor für Nosferaturologie, aber die eigentlichen Helden sind Leute von Nebenan: ein gewissensschwacher Reporter und eine naive ökologische Jungunternehmerin, die beide nur um Haaresbreite der teuflischen Verführung durch Großkapital, Regierung und Massenmedien entkommen, weil sie in Liebe zueinander entbrennen und dadurch einigermaßen immun werden. Am Ende reicht die bloße Erwähnung eines Reizwortes wie "Sozialleistung", und der vom Dämon des "succubus incorporatus" besessene US- Präsident fällt in Agonie und kann vom wackeren Professor entzaubert werden. Eine Wendung zum Guten, eine Bekehrung ist das freilich nicht. Denn wie im unsterblichen Dracula-Mythos bleibt auch der tatsächliche Horror in der Welt am Ende unbesiegt. George W. Bush regiert die USA nach wie vor und ist in seiner Eigenschaft als mächtigster Mensch auf diesem Erdball der größte denkbare Risikofaktor.

Im Vergleich zu früher in Berlin gezeigten Mime-Troupe-Inszenierungen wie "False Promises", "Hotel Universe" oder "Factwino" ist "1600 Transsylvania Avenue" auch schauspielerisch ein Glanzstück. Da gibt es großartige Slapstick-Einlagen und bestechende choreographische Arrangements, die griffigen Songs werden hervorragend rübergebracht. Den Vogel schießt jedoch das Bühnenbild ab. Was das primitive hölzerne Gerüst an überraschenden Verwandlungskünsten bietet, ist schlichtweg sensationell. Beim Text würde man sich dagegen mehr parodistische Originalität und Treffsicherheit wünschen. Wenn man allerdings bedenkt, wo das politische Volkstheater heute generell steht, so handelt es sich fraglos um eine herausragende Leistung. Sie sollte Mut machen, dieses so vernachlässigte und dennoch unverzichtbare komödiantische Genre wieder verstärkt einzusetzen. Die naheliegende Frage, was denn seit den achtziger Jahren zum Niedergang populärer sozialkritischer Spielformen geführt habe, nachem Fo und Rame, das Theatre du Soleil, Bread and Puppet, Grips und viele andere neben der Mime Troupe für die besten Voraussetzungen gesorgt hatten, lässt sich hier nur oberflächlich beantworten. Der Zusammenbruch des Sozialismus jedenfalls kann nicht der einzige Grund gewesen sein, denn Unrecht und gesellschaftliche Missstände sind seitdem nirgends wesentlich zurückgegangen. Wie die andauernde Kabarett-Blüte zudem beweist, gibt es auf beiden Seiten der Bühnenrampe immer noch ein ausgeprägtes Bedürfnis, komödiantisch aufzuklären, anzuprangern und zu ermutigen.

Alle für einen, einer für alle

Misst man den allgemeinen Niedergang des sozialkritischen Theaters an der, wenn auch dornigen Erfolgsgeschichte der Mime Troupe, so drängt sich folgende Erklärung auf: Kein anderes Ensemble hat den emanzipatorischen Gedanken der Kollektivität entschiedener und kontinuierlicher verfolgt. Schon die Umwandlung zum Kollektiv 1970 entfesselte sogleich die Kreativität der weiblichen Mitglieder, die von nun an das künstlerische Profil in allen Bereichen prägend mit gestalteten. In der Person Joan Holdens wuchs die neben Dario Fo bedeutendste Politfarcen-Autorin unserer Zeit heran. Einen ähnlichen Innovationsschub ergab die seit 1975 gezielte Einbindung afroamerikanischer Künstler, denen sukzessive Chicanos, Philippinos und Angehörige anderer Minderheiten folgten, so dass die Truppe heute über ein unerschöpfliches ethno-kulturelles Reservoir verfügt.

Abgesehen vielleicht von Dario Fo machte kein anderes Theater so wenig Zugeständnisse an den politischen Status quo, ohne sich radikalistisch zu übernehmen oder sektiererisch abzukapseln. Wenn die Troupers in ihrer Eigenschaft als Komödianten unbeirrbar am Kapitalismus kratzen, dann nur an dessen Schattenseiten und Fehlentwicklungen, wozu jeder gute Demokrat aufgerufen wäre, um Gefahren für die Allgemeinheit abzuwenden. Diese Entschiedenheit der politischen Haltung war nur durch die strikte Wahrung der finanziellen Unabhängigkeit möglich, die allerdings mit dem Preis mannigfaltiger Selbstausbeutung bezahlt werden muss. Die Kasseneinnahmen reichen aufgrund des freiwilligen Eintrittsgelds im Prinzip nie aus. Nur ein elitärer Kern hält diesen materiellen Notstand länger als fünf Jahre durch. Doch der unvermeidliche Wechsel im Ensemble sorgt dafür, dass ständig neue, unverbrauchte Kräfte nachrücken, vor allem junge Talente, die sich nur zu gern beweisen möchten.

Kein Theater schließlich hat sich ideenreicher auf die Traditionen der Trivialkultur eingelassen und sie so gewitzt mit neuen Inhalten versehen wie die Mime Troupe. Dabei hielt man bewusst an den begrenzten Möglichkeiten des Straßentheaters fest, um breiteste Publikumsschichten zu erfassen.

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