Kultur : Dämon mit Lesebrille

MONIKA MARON

Johannes sitzt auf einer Erhöhung der Insel Patmos, wohin er vor der Christenverfolgung geflohen ist, und schreibt etwas auf.Was er schreibt, wird ihm diktiert.Auf dem Bild hält er gerade im Schreiben inne und empfängt offenen Auges die Botschaft.Er sieht dabei nicht in die Richtung des luftfarbenen Engels mit den seltsam prächtigen Flügeln, der ihm die Botschaft verkündet, sondern geradeaus aufwärts, irgendwohin zwischen Himmel und Erde.Angekündigt wird ihm der Weltuntergang, die Apokalypse.Er hört es unerschrocken, nur aufmerksam, eben wie einer, der eine Botschaft entgegennimmt, die er korrekt weiterzuleiten hat.Vor dem hellblauen und grünen Hintergrund des Bildes und inmitten der braungrünen Landschaft wirkt Johannes in seinem hellroten Gewand, das seine Haar- und Gesichtsfarbe aufnimmt, erleuchtet.In der Ferne versinken brennende Schiffe, aber die Türme der Stadt stehen noch unerschüttert.

Zu den Füßen des Johannes sitzen ein schwarzer Vogel, der, wie es scheint, zu ihm gehört, und ein absonderliches Wesen mit Menschengesicht, Flügeln, einem Kugelbauch, Echsenschwanz und Echsenfüßen.Der Kopf ist umhüllt mit schwarzem Tuch, und auf dem Kopf glimmt eine schwarze Kugel, das Werkzeug eines Brandstifters.Ein Dämon, der Böses im Sinn hat und ohne den das Bild auch schön wäre, aber ganz ins Biblische und ins Historische verweisbar.Dieses bleichgesichtige kleine Ungetüm aber kommt mir ganz zeitgemäß vor.Es sitzt da und fixiert den schwarzen Vogel, der es offenbar hindert zu tun, was es tun will.

Aber was ist das? Neben dem Dämon steckt ein Eisenstab mit drei Haken im Sand.Wozu braucht er den? Will er Johannes bestehlen? Vor allem aber: Warum trägt der Dämon eine Brille? Sie sitzt mitten auf seiner Nase, und er sieht über sie hinweg.Eine Lesebrille also? Ein gelehrter kleiner Dämon? Ist das Böse gelehrt? Oder das Gelehrte böse? In dem kugelrunden Leib des Dämons steckt ein Pfeil; jemand hat auf ihn geschossen.Aber sein Gesicht zeigt keinen Schmerz, eher Hochmut, kalte Melancholie.

In der linken oberen Bildecke, dem Dämon diagonal gegenüber, sitzt auf einer Mondsichel eine Frau, ein Kind im Arm, "mit der Sonne bekleidet ...und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen", wie es in der Offenbarung des Johannes beschrieben ist.Ihr Feind im Himmel war der rote Drache, der ihr Kind, sobald sie es geboren hatte, fressen wollte.Er wurde besiegt und auf die Erde geworfen."Und der Drache wurde zornig über die Frau und ging hin, zu kämpfen gegen die übrigen von ihrem Geschlecht ...".Vielleicht ist eine Erdenexistenz des roten Drachen die des bleichen kleinen Dämon mit dem Echsenschwanz.Aber warum hat er dieses kluge Menschengesicht? Und warum die Lesebrille?

Die Autorin Monika Maron lebt in Berlin.

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