Kultur : "Dancer in the Dark": Der blinde Engel

Jan Schulz-Ojala

Selma hört nicht, sie fühlt. Geräusche fühlt sie, wie eine Erschütterung, seien sie groß oder klein. Das Stampfen der Maschine in der Stanzfabrik. Das Kratzen einer Schallplatte in ihrer letzten Rille. Die über das Papier ruckende Feder des Gerichtszeichners. Oder Restfetzen eines fernen Chorals, aufgefangen vom Lautsprecher in der Todeszelle. Alles ist Rhythmus, den Selma zum Leben braucht wie die Luft und einatmet durch die Haut. Sie atmet ihn aus, indem sie zu singen beginnt, über ein Kratzen, ein Rucken hinweg, eine Stimme, die aus der Stille immer wieder Anlauf nimmt und gegen sie. Und wenn man ihr die Welt schalldicht macht, dann kann sie, letztes Doppelpochen, immer noch ihr Herz schlagen fühlen.

Selma sieht nicht, sie fühlt. Ihre Augen hinter den dicken, schwarz eingefassten Billigbrillengläsern sind wach und zärtlich und doch schon merkwürdig leer. Selma erblindet - und darf sich das nicht anmerken lassen. Also fühlt sie, dass das Stanzblech, das die Maschine gleich in ein Spülbecken verwandelt, richtig liegt, bevor sie den Startknopf betätigt. Also nimmt sie nicht mehr das Fahrrad zur Arbeit, sondern geht über die Gleise, indem ihre Füße sie führen. Also fühlt sie den Packen gesparte Dollars in der Keksdose mit den Fingerspitzen und fügt ihm das jüngst verdiente Geld hinzu, Geld für die Operation ihres zwölfjährigen Sohnes, der sonst erblinden wird wie sie. Deshalb ist sie aus der Tschechoslowakei nach Amerika gekommen: um eine Schuld abzutragen - und das Glück dazu. Schuld, ein eigenes Kind trotz dieser Krankheit gewollt zu haben - und das Glück, mit ihm zu sein. Und beide Wege, auch das fühlt sie von Anfang an, könnten für sie unausweichlich miteinander verbunden sein.

Im Dunkel des Kinosaals

Selma ist die Tänzerin im Dunkeln, "Dancer in the Dark": Ganz langsam vergeht ihr das Hören und das Sehen. Und auch uns, die wir doch, im Dunkel des Kinosaals, ganz Ohr und Auge sind. Die Musik dieses Films, und es ist eine wunderbar schmerzende Musik, scheint plötzlich durch alle Poren in den Körper einzudringen, und in seine Bilder taucht man wie in einen Unterwassertraum. Anders gesagt: Wer in diesem Film nicht weint, ist wahrscheinlich ein Mensch aus Stein. Sage mir, wie du "Dancer in the Dark" überstehst, diese 134 Minuten emotionalen Ausnahmezustand, und ich sage dir, wer du bist. Nun, vielleicht nicht gleich das. Aber doch: Wie nah oder fern wir uns sind.

In das Festival von Cannes dieses Frühjahr stürzte der Film wie eine Axt - und spaltete die Kritik. Er gewann die Goldene Palme, seine Hauptdarstellerin Björk den Darstellerpreis, alles andere wäre ausgeschlossen gewesen. Nun, da das insgesamt fade Kinojahr weit vorangeschritten ist, wird erst recht sichtbar, wie unbarmherzig das ebenso grausame wie grandiose Sinnesabenteuer dieses Films alles in sein Vorher und Nachher teilt. "Dancer in the Dark" ist ein gutes altes Melodram und zugleich ein herzzerreißend neues. "Dancer in the Dark" ist ein Musical, sagen seine Erfinder, und inszenieren dann doch eine Oper - mit Ouvertüre! - und eine griechische Tragödie, ins gottverlassen Zukünftige gewendet. "Dancer in the Dark" ist ein archaisches Martyrienspiel und zugleich das erste Meisterwerk eines neuen Jahrhunderts, ein Meisterwerk in seinen nervösen, verwaschenen, wilden Farben.

Ein Ausnahmefilm. Vielleicht brauchte es dazu gleich zwei geniale Regisseure. Lars von Trier erfand die Geschichte und die Bilder: Der undogmatische "Dogma"-Schöpfer, der die einzig wirklich wichtige ästhetische Kinodebatte der letzten Jahre lostrat, ist ein neurotischer Exzentriker, der mit jedem seiner Filme rücksichtslos gegen sich und andere Geschichte macht. Und Björk: Die isländische Punk-Pop-Komponistin erfand die unerhört an- und aufrührend sich in die Handlung schmiegenden Lieder, erfüllte sie mit ihrer zart-rauhen Stimme - und inszenierte sich, erstmals vor einer Filmkamera, als Selma so natürlich und kraftvoll, als hätte sie ihr Leben bislang nicht eher scheu vor Mikrofonen verbracht. Zwei Fixsterne auf der Höhe ihrer Leuchtkraft sausten da, durch glücklich intergalaktische Fügung, aufeinander zu und stürzten ineinander. Dass Björk, die erst in ihrer Rolle aufging, sie dann immer wieder abzuwerfen drohte, um sie doch furios bis zum bittersten Ende auszuspielen: Man weiß es. Dass Lars von Trier bis heute, demonstrativ erschöpft, kein neues Projekt angefangen hat und zum Scherz droht, das nächste Mal ohne Frauen zu drehen: Man weiß es. Egal. Für diesen Film haben die beiden ihre kriegerische und kreative Energie zielgerichtet gebündelt und gezündet. Und so strahlt er nun umso heller.

Björk: ein Film-Star. Ihre Selma ist das hässliche Entlein, das zum Engel wird. Zur Heiligen. Und ist doch eine Heilige schon von Anfang an. Weil sie weiß, dass ihr Schicksal, katapultiert in ein kurios hyperreales, ländliches Amerika der sechziger Jahre (Drehort: Schweden!), ihr ein unvergleichliches Opfer abverlangt. Um den Sohn zu retten, spart sie sich das Leben gewissermaßen vom Herzen ab. Alles ist Arbeit, gegen den Countdown ihrer eigenen unabwendbaren Erblindung. Also verzichtet sie auf die Liebe: Ihren sanften, rührenden Verehrer Jeff (Peter Stormare) weist sie sanft und rührend ab. Also verliert sie ihren Job: weil auch ihre fürsorglichste Kollegin Cathy (Catherine Deneuve - ja, die sonst so elegante Deneuve, und sie ist kein Fremdkörper in diesem Film) sie eines Tages nicht vor einem fatalen Fehler an der Maschine bewahren kann. Also verliert sie ihr Geld: Ihr hoch verschuldeter Vermieter, der Polizist Bill (David Morse), stiehlt es aus dem Wohnwagen, in dem sie mit ihrem Sohn Gene (Vladica Kostic) lebt. Also verliert sie ihre Freiheit: In seinem Selbsthass noch zu feige, sich zu töten, schiebt Bill Selma die Dienstwaffe zu - und arrangiert die Szene auch noch als Raubmord. Also wird Selma zum Tode verurteilt. Alles spricht gegen Selma, weil Selma schweigt.

Verzicht auf das Kind

Dieses hartnäckige Schweigen bietet unter manchen Möglichkeiten die wohl nobelste, sich aus dem Film davonzustehlen. Warum fühlt Selma sich an ein Versprechen gebunden, über den Tod des Mannes hinaus, dem sie ihre plötzlich fatale Lage verdankt? Warum opfert sich diese Frau? Schärfer noch gefragt: Warum opfert Lars von Trier diese Frau? Selmas grausamer Verzicht darauf, das eigene Kind zu sehen, der Verzicht auf das Wiederaufnahmeverfahren, der Verzicht auf das eigene Leben - alles nur für das eigene Kind? Eine Konstruktion, sagen manche, und übersehen deren innere Logik. Der personifizierte Altruismus, sagen manche. Solche Menschen gibt es nicht. Und sie meinen damit: Solche Menschen sollte es nicht geben. Solche Leute wollen wir nicht einmal im Kino sehen. Nicht einmal zwei Stunden lang an der Nase unserer Alltags-Vernunft herumgeführt, gar geläutert werden durch den qualvoll konsequenten Leidensweg einer erfundenen, überirdisch leuchtenden Gestalt. Unsere Heldinnen und Helden, sagen sie, wollen wir bigger than life, deshalb gehen wir ja ins Kino, aber nicht bigger than death. Da wird uns unheimlich.

So ähnlich wurde schon vor vier Jahren diskutiert, nach Lars von Triers "Breaking the Waves", dem Auftakt einer nun mit "Idioten" und "Dancer in the Dark" abgeschlossenen Trilogie. Auch Bess, die Heldin, war eine Gretchen-Figur, verführt und geleitet bis zum Tod von einer übergroßen, übermenschlichen Liebe - nur galt sie einem Mann, nicht dem eigenen Kind. Und wie in Goethes "Faust" wurde das mephistophelische "Sie ist gerichtet" durch ein "Sie ist gerettet" aufgehoben, durch einen gewaltigen, göttlichen Glockenschlag. Das war vielen zuviel - und da kam die Nachricht gerade recht, dass der antiautoritär verzogene, stets sprunghaft agierende Lars von Trier soeben zum Katholizismus übergetreten war. Mit "Dancer in the Dark" ist er gewissermaßen zum "Urfaust" zurückgekehrt: Selma wird gerichtet, hingerichtet - und aus. Die Wirkung ist ungleich größer. Und das Opfer erscheint, weil statt des Glockentönens nun eisige Stille herrscht, vollends sinnlos geworden. Für die Rechner unter uns Zuschauern: eine Nullsumme. Es gibt kein Leben nach dem Tod und vorher erst recht nicht.

Und doch, der Tod in "Dancer in the Dark" ist merkwürdig klein. Er ist das Komplott von Leuten, die sich gegen Selmas Schweigen nicht anders zu wehren wissen. Und Selma, die aus ihren geliebten Musical-Filmen immer vor dem Happy End rausging, damit deren bonbonbunte Welt ewig so weitertanzen konnte im Kopf, bekommt ihr Happy End. Es ist schon heute eines der herzzerreißendsten der Filmgeschichte. Denn Selma mag gerichtet werden, und rettet sich doch selbst. Aus einem Nichts an Geräuschen, oder war es der Herzschlag, beginnt sie zu singen, und noch einmal füllt die Leinwand, die nur noch weiß und schwarz und grau war, sich mit Farbe. Noch einmal beatmet Selma die Welt. Sie ist bunt, weil Selma atmet und singt. Sie singt von ihrem Kind - aber sie singt, ohne es zu wissen, vom Sieg der Kunst über das Leben und Sterben. Wenn wir Glück haben, fühlen wir das. Und hören es. Und sehen.

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