Daniel Barenboim : Gipfelstürmen, täglich

Sechs fordernde Konzerte in acht Tagen hat die Staatskapelle Berlin unter ihrem Chef absolviert. Daniel Barenboim und seine Staatskapelle beenden ihren Beethoven-Bruckner-Zyklus in der Philharmonie.

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Daniel Barenboim (Archiv)Foto: dpa

Was für eine Kraftanstrengung, welch ein Marathon! Als Daniel Barenboim den Taktstock am Ende seines Beethoven- Bruckner-Zyklus sinken lässt und der Jubel in der Philharmonie losbricht, verharrt der Dirigent minutenlang in stillem Dank an sein Orchester. Sechs fordernde Konzerte in acht Tagen hat die Staatskapelle Berlin unter ihrem Chef absolviert. Ohne weitgehend blindes Verstehen wäre das gar nicht zu machen gewesen, ohne rigide Probenökonomie auch nicht. Doch ergeben die sechs Bruckner-Sinfonien 4 bis 9, jeweils gekoppelt mit einem von Beethovens Klavierkonzerten und seinem Violinkonzert, wirklich einen Erkenntnis stiftenden Zyklus? Müßige Frage. Barenboim wollte Bruckner dirigieren, Beethoven befand sich bereits geprobt im Reisegepäck der Staatskapelle. Dazu Barenboim in der Doppelrolle als Pianist und Dirigent – das garantiert ein volles Haus inklusive DVD-Produktion.

Ein Hauch von Spektakel schwingt schon mit, wenn man diesem Mann dabei zuschaut, wie er das Unmögliche zwingen will. Gipfelstürmen, täglich. Barenboims Publikum erliegt seiner physischen Kraft, seinem Willen, seiner Unerschrockenheit. Charme wäre dafür das falsche Wort. Vielmehr geht der Dirigent und Pianist weiter konsequent auf seinem Weg der strengen Leidenschaft, in die sich immer mehr Härte und Aggression mischen. Eine Kehrseite der Verehrung, des unbeschränkten Tun-Könnens, wonach es einen künstlerisch gelüstet? Die Suche nach einer Grenze angesichts von 60 Jahren Musizieren im Scheinwerferlicht?

Mit seinem Beethoven-Bruckner-Zyklus macht es Barenboim sich und seinen Zuhörern oft ungemütlich. Da sind zunächst die gewaltigen Phon-Zahlen, die der Maestro dem Orchester abfordert. „Jede Komposition hat nur einen Höhepunkt, da muss man die Steigerungen strategisch planen“, hatte Barenboim dieser Zeitung während der Proben anvertraut. Doch im Taumel der Konzerte strebt er multiple Maximaldruckpunkte an, türmt laut auf lauter, bis die Ränder der Klänge ausbrechen, schwarz und kantig werden, wie bei einem überschärften Foto. Barenboims Fortissimo tut weh.

Auch als dirigierender Pianist findet Barenboim sich erstaunlich schwer zurecht. Wie seine Staatskapelle Beethoven spielt, interessiert ihn weit mehr als der eigene Tastenpart. Das reicht bis zu einem unwirsch weggedrückten 4. Klavierkonzert, bei dem man ernsthaft in Sorge gerät, ob dieser Zyklus nicht in einem Desaster für den Pianisten Barenboim enden wird. Er tut es nicht, weil der instinktsichere Bühnenmann Barenboim am letzten Abend mit dem „Emperor Concerto“ zu seiner Lust am eigenen Spiel zurückfindet, die Sinnlichkeit des Anschlags zurückerobert, auch wenn dabei viele Konturen blass bleiben.

Welches Bruckner-Bild erschafft aber der Hochgebirgszug, den Barenboim und seine Staatskapelle aufs Podium wuchten? Was erfahren wir über den Bruckner-Dirigenten Barenboim? „Man muss ein Gespür für das meditative wie für das aktive Element des Lebens haben; es darf keine eckigen Stellen geben, keine Erregung im herkömmlichen Sinne, sondern ein starkes, langsam anwachsendes Gefühl der Unausweichlichkeit.“

So beschrieb Barenboim 1974, zum 150. Geburtstag des Komponisten, den idealen Bruckner-Interpreten im Tagesspiegel. Das aktive und das meditative Element des Lebens scheinen gegenwärtig im Dirigenten Barenboim Krieg zu führen. Unversöhnlich stehen sich flüchtige Schönheit und brüchige Logik gegenüber. Unausweichlich ist da nur die nächste Phon-Explosion.

Mit dem Kraftakt seines gewaltigen Zyklus steht Barenboim anscheinend konkurrenzlos da. Doch das täuscht. Wie tief ist im Vergleich die Bruckner-Lesart von Herbert Blomstedt, wie brillant die von Kent Nagano, wie viril die Simon Rattles? Und nicht zu vergessen: wie geistesgegenwärtig, tänzerisch und beglückend Mitsuko Uchidas Interpretation von Beethovens Klavierkonzerten? Sechs ausverkaufte Abende lang zehrt Barenboim von seinem Ruf als konditionsstärkster Interpret dieses Erdballs – und dem Klang seiner Staatskapelle. Als traumhaftes Wagner-Orchester mit grandiosem Einsatz hat sie einen Platz im Bruckner-Olymp verdient.

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