Dany Boon über Rechtsextremismus in Frankreich : „Die Stimmung ist: Schnauze voll“

Berühmt geworden ist der französische Regisseur und Volksschauspieler Dany Boon mit der Komödie „Willkommen bei den Sch’tis“. In Julie Delpys neuem Film „Lolo – Drei ist einer zu viel“ spielt er wieder einen ländlichen Außenseiter. Im Interview spricht er über Rechtsextremismus, Religion und das Leben in der Provinz

Fabian Federl
Der Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur Dany Boon, 49.
Der Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur Dany Boon, 49.Foto: David Koskas

Monsieur Boon, im Dezember veröffentlichten Sie einen Facebook-Eintrag, der knapp 150 000 Mal geteilt wurde. Darin äußern Sie sich erstmals zum Erfolg des Front National in Ihrer Heimatregion Nord-Pasde-Calais. Sogar Marine Le Pen ist am Folgetag bei einer Rede darauf eingegangen. Was hat Sie dazu bewegt?

Ich habe einen Artikel im „Corriere della Sera“ über meine Region gelesen. Die Großmutter meiner Frau hat sich dort zu Nord-Pas-de-Calais geäußert. Man sehe, so gastfreundlich wie in unserem Film „Willkommen bei den Sch’tis“ seien die Nordfranzosen ja gar nicht. Das hat mich sehr geärgert. Der Front National sorgt für einen sehr schlechten Ruf der Region und von Frankreich als Ganzes.

Sie äußern sich behutsam, greifen niemanden an, sondern schreiben, Sie verstünden die Unzufriedenheit der Menschen. Die extreme Rechte löse aber keine der Probleme.

Sie hat nicht mal ein Programm. Die „Lösung“ des Front National besteht in der Ablehnung des Anderen. Sie spielen die einen gegen die anderen aus, stacheln zum Hass auf und behaupten dann, dass dadurch irgendwas besser würde. Das stimmt aber nicht. Im Gegenteil, es wird nur schlimmer dadurch. Nie in der Geschichte der Demokratien hat der Rechtsextremismus einem Land gutgetan. Es hat immer in der Katastrophe geendet. Ich glaube, die Leute denken nicht darüber nach, was sie da eigentlich wählen.

Wie meinen Sie das?

Ich bin oft im Norden, besuche regelmäßig meine Mutter, die dort lebt. Sie haben „ras-le-bol“, die Schnauze voll. Ich verstehe das. Es herrscht extrem hohe Arbeitslosigkeit, viele Menschen in der Region schaffen es kaum, über die Runden zu kommen, sie haben Angst um ihre Zukunft und die ihrer Kinder. Die Menschen sind unruhig, wissen nicht, was sie tun sollen. Deshalb wählen sie den FN.

Verstehen Sie sich seit „Willkommen bei den Sch’tis“ als Botschafter für Ihre Region?

Ich hänge an der Gegend. Ich tue viel für meine Region, und meine Region hat viel für mich getan. Trotzdem bin ich kein Botschafter, bei Interview-Anfragen zu diesem Thema habe ich immer wieder nein gesagt. Mein Job ist es in erster Linie zu unterhalten. Aber ich bin auch ein Bürger. Frankreich ist das Land der Menschenrechte, nicht das Land der Rechte für Franzosen.

Ihr Vater war Algerier, kam nach Frankreich, um als Boxer zu reüssieren, arbeitete lange als Lkw-Fahrer. Als Ihre französische Mutter mit Ihnen schwanger war, stellte deren Vater ihr ein Ultimatum.

Er sagte, sie solle entweder in ein Kloster gehen oder er würde den Kontakt abbrechen. Den Gedanken, dass seine Tochter das Kind eines Algeriers zur Welt bringt, hat er nicht ertragen. Meine Mutter ging nicht ins Kloster, sondern entschied sich für meinen Vater. Mein Großvater hat sein Verdikt gehalten. Er starb, ohne mich jemals gesehen zu haben.

Waren derart feindselige Reaktionen damals üblich? Wie war es in Ihrer Kindheit?

Die Vorurteile gegenüber uns waren stark. Meinem Vater hat jedoch nie jemand etwas ins Gesicht gesagt – er war ein sehr kräftiger Mann, aber auch ein großherziger, lieber Mensch. Die meisten akzeptierten ihn, auch wenn die Leute immer wieder hinter seinem Rücken redeten. Ich hingegen habe Feindseligkeiten auch oft direkt zu hören bekommen. Meist nur dumme Scherze, aber manchmal auch Ernsthafteres.

Sie arbeiten gern mit Vorurteilen, in „Nichts zu verzollen“ mit denen zwischen Belgiern und Franzosen, in „Willkommen bei den Sch’tis“ mit denen zwischen Nord- und Südwest-Franzosen. In Ihrem aktuellen Film „Lolo“ lernt die Pariserin Violette (Julie Delpy) im Urlaub in Biarritz Jean-René kennen, der gerade nach Paris zieht. Dort erweisen sich ihre Welten als unverträglich. Gibt es so etwas wie eine Typologie der Klischees in Frankreich?

In Paris ist man hektisch, grob, nicht besonders hilfsbereit. Pariser gelten als kalt, distanziert, prätentiös. Es dauert, bis man eine Beziehung zu ihnen herstellen kann. In der Provinz ist es genau andersherum, dort gelten die Leute als ruhig, sympathisch, gastfreundlich.

Ihre Provinzhelden haben meistens ein gutes Herz.

Wobei es auch gutherzige Pariser gibt, sie sind nur schwer zu finden. Als ich Ende der achtziger Jahre nach Paris kam, wurde mir von großzügigen Menschen geholfen. Ich lebte fast auf der Straße und wurde oft beherbergt, einfach so. In einem Restaurant wurde ich immer wieder durchgefüttert. Andererseits nahmen viele einen auch nicht ernst, weil man aus der Provinz kam. In meinen Shows beschäftigte ich mich mit meiner Heimatregion; mir wurde dauernd gesagt, das sei zu provinziell, keiner wolle das sehen. Ich habe in den 25 Jahren seitdem aber nicht damit aufgehört.

Mittlerweile sind Sie einer der bestverdienenden Schauspieler und Regisseure Ihres Landes. Kritiker-Erfolg blieb Ihnen aber lange verwehrt. Pariser Arroganz?

Glaube ich nicht. So funktioniert das Spiel nun mal: Wer beim Publikum Erfolg hat, der hat es bei den Journalisten schwer. Für „Lolo“ habe ich erstmals gute Kritiken bekommen, in Blättern, die mich immer hassten, die „Libération“ zum Beispiel. Und das Magazin „Les Inrockuptibles“ hat sogar acht Seiten gebracht.

Sie spielen trotzdem immer noch gern den Underdog. Fühlen Sie sich auch so?

Wenn man einmal arm war, wird man nicht reich. Man wird ein ehemals Armer. Es geht weniger um Underdog-Identität als um die Wahrung der Normalität. Ich nehme den Bus, die Metro, ich lebe nicht in einer Star-Blase. Ich halte an, wenn mich Leute auf der Straße ansprechen, und versuche, offen zu bleiben. Meine Kinder gehen auf eine Schule in London, wo es Kinder aus allen Ecken der Welt gibt. Als wir in Los Angeles gewohnt haben und wir uns dort eine Schule ansahen, sagte ich zu meiner Frau: Wir können die da nicht hinschicken. Da sind nur Weiße, in einer Stadt, die beim besten Willen nicht nur weiß ist. Das kann nicht gut gehen. Wir ziehen die Gesellschaft von morgen groß. Diskriminierung wird ja genährt durch Ignoranz.

Vorurteile sind ein dankbarer Stoff für Comedy. Aber auch ein gefährliches Terrain: Der Comedian Dieudonné erfreut sich in manchen Kreisen wegen seiner antisemitischen Sprüche großer Beliebtheit. Wo liegt für Sie die Grenze des guten Geschmacks?

Bei Dieudonné kann man nicht mehr von einer Grenze sprechen, die wir vielleicht gemeinsam haben. Dieudonné und ich üben nicht denselben Beruf aus. Wer seinem Hass auf der Bühne freien Lauf lässt, macht keine Kunst mehr. Er macht Propaganda. Dieudonné ist kein Comedian.

Sie selbst sind als Katholik aufgewachsen, dann zum Judentum konvertiert. Haben Sie religiöse Diskriminierung erfahren?

Nein. Ich bin ein gläubiger Mensch. Ich war Messdiener, bin zur Kommunion gegangen. Zum Judentum konvertierte ich der Liebe wegen. Ich las das Alte Testament und fand darin viel, was ich aus dem Neuen Testament kannte. Ich finde es wichtig zu verstehen, wie die monotheistischen Religionen zusammenhängen. Manchmal scherze ich mit meiner Frau, dass wir als Nächstes den Buddhismus ausprobieren sollten. Oder den Islam.

Das Gespräch führte Fabian Federl.

Dany Boon, eigentlich Daniel Hamidou, wurde 1966 in Armentières bei Lille als Sohn eines Lkw-Fahrers und einer Putzfrau geboren. Mit Anfang 20 zog er nach Paris und begann dort als Comedian auf der Straße, in kleinen Theatern und später im Fernsehen aufzutreten. 2006 führte er erstmals Regie – für den Film „La maison du bonheur“, für den er auch das Drehbuch schrieb und die Hauptrolle spielte.

2008 folgte „Willkommen bei den Sch’tis“. Die Komödie wurde mit mehr als 20 Millionen Kinobesuchern die erfolgreichste nationale Produktion Frankreichs. Boon hat fünf Kinder und lebt mit seiner Frau, Yael Boon – Drehbuchautorin, Model, Schauspielerin – in London.

Ab 10. März ist er in „Lolo – Drei ist einer zu viel“ wieder in den deutschen Kinos zu sehen, an der Seite von Julie Delpy, die auch Regie führte.