Kultur : Das aktuelle Buch: Keine Zeit für Pessimisten

Bernhard Schulz

Kaum ist er aus dem Amt geschieden, da liegt schon der Sammelband mit den wichtigsten Reden und Aufsätzen seines zweijährigen Minister-Interims vor: Michael Naumann weiß seinen Zwischenstopp im Reich der Politik wirkungsvoll abzuschließen. Immerhin gelang dem Staatsminister am Ende nochmals ein Coup, als er die geheiligte Kulturhoheit der Länder kurzerhand als "Verfassungsfolklore" ironisierte. Daraus hätte sich tatsächlich die überfällige Grundgesetzdebatte entwickeln können. Stattdessen blieb der fade Nachgeschmack, dieser Artikel sei von vorneherein als Schlusspunkt gedacht gewesen, denn alsbald überraschte Naumann mit dem Rückzug aus der Politik - und dem Wechsel zur "Zeit", wo eben jener Artikel auch erschienen war.

Schnee von gestern. Zwischen zwei Buchdeckeln findet die Öffentlichkeit stattdessen die Früchte des Naumannschen Denkens wieder. Im Januar hat der Minister a.D. schnell noch ein Vorwort gezaubert. "Was Kultur leisten kann," - heißt es darin - "ist die melancholische Erinnerung daran, was ihr im Zuge der europäischen Geschichte an Gewissheiten verloren gegangen ist." Als Grundstimmung erhellt dieser Satz blitzartig die oft ziellos wirkenden Themenwechsel Naumanns, der nie so recht auf Durchsetzung konkreter Ziele gerichtet schien, als auf "kritische Reflexion" der "geschichtlichen Narben und Gefährdungen" der Kultur.

Eine abwägende Bilanz indessen, die man bei einem derart in die Politik gefallenen Intellektuellen erwartet oder doch erhofft hätte, sucht der Leser vergebens. Das ist ärgerlich. Denn wenn es eine Rechtfertigung für die kurze Berührung mit dem Regierungshandeln gegeben hätte, dann doch wohl die, dass Naumann daraus besondere, den in die Politik eingespannten "Machern" verschlossene Erkenntnisse gewonnen hätte.

Nichts dergleichen also; es bleibt bei den Aufsätzen, die der Leser bereits kennt, ergänzt - unter anderem - um immerhin drei Vorlesungen, die Naumann an der Viadrina, der Universität in Frankfurt an der Oder, gehalten hat. Am Ende, so scheint es, hat den Journalisten Naumann der eigene Aufbruch in die Politik einholt. In seiner fulminanten Erstattacke vom September 1998, erschienen in der "Zeit" unter dem Titel "Raus aus Eurer Schwermutshöhle", warf er dem deutschen Feuilleton noch "die elegante Geste des intellektuellen Verzichts auf praktische Politik" vor - und weckte bei den Kollegen mit diesem Peitschenhieb helle Begeisterung für Schröders Ambitionen, Kultur zu einem Bestandteil der Bundespolitik zu machen. Die zeigte sich dann allerdings samtpfötig. In seiner Antrittsrede als Staatsminister kannte Naumann im November 1998 vor dem Deutschen Bundestag nichts Schöneres, als "die Segnungen unseres aufgeklärten deutschen Kulturföderalismus (zu) preisen". Von dort spannt sich der Bogen zum besagten Artikel beinahe auf den Tag genau zwei Jahre später, in dem er die Kulturhoheit der Länder nicht expressis verbis, wohl aber dem Sinn nach entsorgte.

Immerhin folgt auf diese Rede im Buch die Vorlesung des habilitierten Politologen Naumann in der Viadrina über die Frage "Was ist Kultur?". Sie summiert Ende Mai 2000 die Zuversicht des bereits abgeklärten Staatsministers, "dass der Pessimismus der meisten Kulturdiagnosen nicht das letzte Wort über die Kultur" sei. Weder Max Webers "stahlhartes Gehäuse der Hörigkeit" noch Adorno / Horkheimers "verwaltete Welt" - sondern das "gelingende Zusammenleben der Menschen" sei das Kernthema der "Bürgergesellschaft".

Die in einem zweiten Teil des Buches unter dem Titel "Die politische Moral des Erinnerns" zusammengefassten Aufsätze beleuchten diesen, über Kulturpolitik im Sinne irgendwelcher Sparten- oder Institutionenförderung hinhausgehenden Politikantrieb Naumanns näher. Gerade hier wäre eine rückschauende Zusammenfassung notwendig gewesen. Der wunderliche Zickzackkurs in Sachen Holocaust-Mahnmal zu Beginn seiner Amtszeit relativiert sich auf dem Hintergrund einer so gewichtigen Rede wie derjenigen vor der Stockholmer Holocaust-Konferenz vom Dezember 1999 über die Einrichtung eines Genocide Watch Institute - einen Vorschlag, den Naumann innerhalb der Regierungspolitik zu vermitteln leider verabsäumte. Weil damit kein Imagegewinn zu erzielen war? Weil das Thema insgesamt, man denke an die Unlust des Kanzlers bei Thema Mahnmal, nicht so ersprießlich schien?

So bleibt auch nach der Sichtung seiner Aufsätze das über zwei Jahre hin befestigte Bild des Kulturpolitikers Naumann, der vieles berührt, aber weniges wirklich angestoßen und noch weniger zu Ende geführt hat. Das Themenspektrum des Paradiesvogels in der Politik freilich genügt, um seinen bedächtigeren Amtsnachfolger auf Jahre hinaus beschäftigt zu halten.

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