Kultur : Das Alte macht Staat

Was der Opern-Streit über Berlin verrät

Rüdiger Schaper

Preisfrage: Was ist älter? Der Zuschauerraum der Deutschen Oper in der Bismarckstraße – oder der Saal der Staatsoper Unter den Linden? Grob gefühlt liegen zwischen den Schauplätzen 200 Jahre, tatsächlich datieren beide aus dem Jahr 1955. Denn zur gleichen Zeit, als die wiederaufgebaute Staatsoper mit Richard Paulicks Interieur eingeweiht wurde, fiel im Westen die Entscheidung für Fritz Bornemanns Neubau der Deutschen Oper.

Paulick und Bornemann und somit auch die beiden großen Berliner Opernhäuser sind also Zeitgenossen, rund 50-jährig. Das wird im immer hitzigeren Streit um die Sanierung der Staatsoper vergessen. Da sagt der Paulick-Fanblock den Untergang des Abendlandes voraus, sollte die Staatsoper – wie es der aktuelle Wettbewerbssieger Klaus Roth vorsieht – ein neues Innenleben bekommen. Tatsächlich aber handelt es sich bei Paulicks Zuschauereraum um ein historistisches Konstrukt, das Kriegsschrecken überwinden half. Offenbar fühlen sich hier viele Opernfreunde behaglich und zu Hause, auch das kann nicht bestritten werden. Kein Zweifel: Die Sonderstellung der Staatsoper hängt unmittelbar mit ihrem herrschaftlichen Auftritt als Bauwerk – innen wie außen – zusammen. Hier geht es in erster Linie um Repräsentation. Um vermeintlich große Oper.

Nur: Der Schein trügt. In den Mauern morscht und fault und bröckelt es, die Maschinerie ächzt. Der Bau ist marode, die Sanierung überfällig. Die Baukosten werden inzwischen auf gut 260 Millionen Euro geschätzt – und mit dieser Wahnsinnssumme will man tatsächlich die mangelhafte Akustik und die fragwürdigen Sichtverhältnisse wiederherstellen, die Paulicks gute und eben doch nicht so alte Opernstube nun einmal mit sich bringt?

Offenbar heiligt der Schein die Mittel, er soll auch alle baulichen Defizite und Übertünchungen heilen. Wenn die Paulick-Befürworter so tun, als drohe hier die Zerstörung des Staatsopernhauses, dann reduzieren sie die Idee der Oper auf eine nachempfundene preußische Bonbonniere. Sie bestätigen sämtliche Vorurteile, die man gegen die im Barock entstandene Kunstform Oper haben kann: dass sie elitär, oberflächlich, plüschig, altmodisch, abgehoben, monarchistisch sei.

Dabei erleben wir seit einiger Zeit etwas ganz anderes. Die Oper ist obenauf. Sie läuft dem Schauspiel den Rang ab, zieht Künstler aller Gattungen und Couleur an. Oper entfaltet zu Beginn des 21. Jahrhunderts – wie die Klassik generell – unglaubliche Energie und Popularität. In der Staatsoper Unter den Linden geschieht dies trotz der widrigen Verhältnisse. Es drängt sich der Verdacht auf, dass die Paulickianer diese Entwicklung aufhalten wollen, dass sie ihnen nicht ins Bild passt. Und dass Generalmusikdirektor Daniel Barenboim um der Qualität des musikalischen Erlebnisses willen einem radikalen Umbau zuneigt, wird von vielen Opernkämpfern überhaupt nicht zur Kenntnis genommen.

Noch etwas fällt auf. Der StaatsopernStreit ist keine Ost-West-Debatte. Die Gräben verlaufen kreuz und quer durch die Hauptstadt und die politischen Parteien. Hier berühren sich konservative Kreise der CDU und der Linkspartei. Und was bedeutet konservativ an dieser Stelle? Nichts Gutes. Wer so vehement einen neuen Saal ablehnt, bewahrt nichts weiter als den zweifelhaften Zustand der fünfziger Jahre – und ein spezifisches Operngebaren, das elementare Bedürfnisse (Hören und Sehen) missachtet.

In Berlin scheint der Schwung der Vereinigung verloren gegangen zu sein. Jedes kulturelle Bauvorhaben, ob Museumsinsel oder Humboldt-Forum, wird von schwersten Bedenken und Protesten begleitet. Jede Debatte ist eine Denkmalschutzdebatte, die aufs Äußere zielt. Inhalt und Substanz? Nicht so wichtig. Außereuropäische Kulturen? Bitte nur mit Schlossfassaden. Staatsoper? Nur mit Stuck. Mit solchen Scheuklappen hätte es einen Schinkel, einen Mies van der Rohe, einen Scharoun nie gegeben.

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