Kultur : Das andere Israel?

Zwischen Terror und Frieden: Begin, Adenauer und die fünfziger Jahre / Von Moshe Zimmermann

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Menachem Begin, Friedensnobelpreisträger und israelischer Regierungschef von 1977 bis 1983, soll die Ermordung Konrad Adenauers im Jahr 1952 angeordnet haben. Erfährt der Zeitungsleser im Juni 2006 und schüttelt den Kopf: „Welch eine Ungerechtigkeit – dem jüdischen Terroristen müsste man den Preis sofort aberkennen!“ Solche Reaktionen sind uns Israelis wohl bekannt. Als Jassir Arafat zusammen mit Itzhak Rabin und Schimon Peres 1994 den Friedensnobelpreis erhielt, war die Entrüstung im rechten Flügel enorm: War, ist Arafat nicht ein Erzterrorist? Andere hätten hinzufügen können: Waren Roosevelt und Kissinger, auch sie Friedensnobelpreisträger, tatsächlich Friedensengel?

Doch ein Mann, der als israelischer Ministerpräsident gemeinsam mit dem ägyptischen Präsidenten Anwar al Sadat eine dramatische Wende der arabisch-israelischen Beziehungen 1977 herbeiführte – den Friedensvertrag mit Ägypten, den Rückzug von der Sinai-Halbinsel und die prinzipielle Anerkennung einer palästinensischen Autonomie wagte –, hat den Preis verdient, auch wenn er früher Terrorist war oder gewesen sein sollte. Die Marke Mutter Theresa oder Carl von Ossietzky ist unter Politikern eher rar.

Menachem Begin war Terrorist, oder aus seiner Sicht Freischärler, der aus Überzeugung gegen die britische Besatzung beziehungsweise Mandatsmacht kämpfte. Es war seine Art, sich für das Selbstbestimmungsrecht der jüdischen Nation einzusetzen. Als die Briten Palästina 1948 verließen und Begin Anführer der nationalistischen Partei „Herut“ (Freiheit) geworden war, gelangte er damit nicht nur an die Spitze der radikalsten parlamentarischen Opposition gegen David Ben Gurion, Israels ersten Regierungschef. Er wurde auch Hauptgegner der von Ben Gurion propagierten Behauptung, es gebe bereits „ein anderes Deutschland“.

Als Ben Gurions Regierung 1952 im Begriff war, mit der jungen Bundesrepublik Deutschland ein Wiedergutmachungsabkommen zu unterzeichnen, griff Begin zu undemokratischen Mitteln: Eine gewalttätige Demonstration gegen das Abkommen wurde zum Sturm auf die Knesset und drohte sich in einen Putsch zu verwandeln. An die fliegenden Steine im Straßenkampf kann ich mich gut erinnern – ich wohnte damals auf der Jerusalemer King George Straße 26. Das Knesset-Gebäude hatte die Nummer 24. Am Ende aber gewann die Demokratie, oder auch das materielle Kalkül des jungen Staates, und das Abkommen wurde ratifiziert.

Nicht über die Ausschreitungen und über die verbitterte Kritik gegen das Abkommen sollte man sich wundern. Eher darüber, dass die Israelis nicht aggressiver vorgingen und die Mehrheit die Vorstellung vom „anderen Deutschland“ bereits sieben Jahre nach dem Krieg für bare Münze hielt. Wohlgemerkt: Zu dieser Zeit bemüht sich Erznazi Werner Best aktiv um die Amnestierung von ehemaligen Nazis; kurz danach wird Hans Globke Adenauers Staatssekretär; vier Jahre später wird Theodor Oberländer Minister in Adenauers Regierung. Insgesamt waren es – um mit dem Historiker Norbert Frei zu sprechen – „die Funktionseliten der Hitler-Zeit, die das Projekt Bundesrepublik bis in die siebziger Jahre hinein entscheidend gestalteten“. Dass jemand aus der rechtsradikalen, gewaltbereiten Ecke des jungen Israel durchdrehte und ein Attentat auf den Kanzler plante, sollte nicht Wunder nehmen. Geschichten von Juden und Israelis, die nach dem Krieg an Deutschen, vor allem an SS oder anderen Nazis, Rache nehmen wollten, sind seit langem bekannt. Auch jene des Eliezer Sudit, des Mannes, der das Attentat auf Adenauer auf Begins Befehl angeblich ausführen sollte, kursierte bereits vor mehr als zehn Jahren.

Übrigens richtete sich die in Israel vorhandene Gewaltbereitschaft in Sachen NS-Vergangenheit eher nach innen, gegen Juden, die man für Kollaborateure hielt, als gegen Deutsche, die ihr Leben nach dem verlorenen Krieg ungestraft fortsetzen konnten. Das bekannteste Beispiel war die Ermordung des israelischen Politikers Israel Kasztner auf offener Straße in Tel Aviv. Die Mörder legten auf ihre Art das Urteil des Richters im so genannten Kasztner-Prozess 1955 aus, in dem es hieß, Kasztner „paktierte mit dem Teufel“, also mit Eichmann.

Dass Begin selbst am Attentat auf Adenauer beteiligt war, ist eher unwahrscheinlich, zumindest nicht nachweisbar, obwohl er in den fünfziger Jahren in einer hitzköpfigen Phase steckte. Dass man sich auf das Erinnerungsvermögen eines 80-jährigen Menschen (so alt ist Eliezer Sudit mittlerweile) nicht verlassen darf, vor allem wenn dabei die Vermarktung eines Buchs im Spiel ist, ist bekannt. Und der 1992 verstorbene Begin kann sich auch nicht mehr wehren.

All das ist jedoch Nebensache. Denn gerade aufgrund von Erkenntnissen, die die breit angelegte Verstrickung der Deutschen am Naziverbrechen unterstreichen, dürfte man mehr Verständnis für diejenigen zeigen, die seinerzeit, so kurz nach der Epoche der Schoah, nicht an „das andere Deutschland“ glaubten und dementsprechend agierten. Adenauer als Person und das Wiedergutmachungsabkommen als Zeitdokument waren gewiss die falsche Adresse des Protests und die rechtsradikalen Israelis der ersten Stunde keineswegs adäquate Vertreter der Interessen der historischen Gerechtigkeit.

Gedanken sollte man sich eher wegen der Mängel im Prozess der Entnazifizierung machen als wegen der krampfhaften Art der Opposition gegen die angebliche oder tatsächliche Verdrängung des millionenfachen Mordes an den Juden im „Dritten Reich“ in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Heute ist das sowieso Geschichte. Fast achtzig Prozent der Israelis glauben an das „andere Deutschland“ oder gehen davon aus, dass die deutsch-israelischen Beziehungen normal geworden sind. Viele begeistern sich sogar für die deutsche Nationalelf bei der WM.

Der Autor ist Professor für Deutsche Geschichte an der Hebrew University in Jerusalem.

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