Kultur : Das Auge des Orkans

Kerstin Decker

Gab es das schon mal? Neunzig Minuten lang nur ein Gesicht. Fast immer in derselben Nähe, immer das halbe Ölbild und das angeschnittene Bücherregal dahinter. Sonst nichts. Man ahnt, die Wohnung, die zu Bild und Bücherregal gehört, ist nicht groß. Die Frau, die mal Hitlers Sekretärin war, ist schön. Nicht: Sie war schön, sie ist es. Ist es wichtig, dass in diesem einundachtzigjährigen Gesicht das junge Mädchen durchscheint, das zu Hitler kam? Kurz denkt man, dass man es sehen möchte - und bewundert Schmiderer und Heller für ihre Unnachgiebigkeit, es uns nicht zu zeigen. Bloß nicht dieses Gewöhnliche! Nicht alte Bilder angucken, wo man zuhören soll. Neunzig Minuten sind gerade groß genug, dass dieses Gesicht hineinpasst. Neunzig Minuten sind gerade lang genug für seine Geschichte.

Denn wegen dieser schrecklichen Geschichte ist Traudl Junges Gesicht wohl schön. Wegen der Reife, die darin steht. Wegen der eintätowierten Selbstbegegnung. Menschen, die unfähig sind zu Selbstbegegnungen - sind es nicht die meisten? - haben solche Gesichter nicht. Als Kind dachte man, Erwachsene sind anders. Sie haben das Erwachsenen-Gen. Und dann merkt man, dass sie oft nur alt gewordene Kinder sind. Dass gar nichts hinzukommt. Vielleicht wäre auch Traudl Junge nur das alternde Mädchen geworden, das mal zum Ballett wollte und dann Sekretärin wurde wie Tausende, hätte sie nicht diese Bürde mit sich herumgetragen: Ich war beim größten Mörder der Weltgeschichte und habe es nicht einmal gemerkt!

Natürlich, wir haben gelernt, misstrauisch zu werden bei solchen Sätzen. Wieso nichts gemerkt? Wie kann eine vor Hitler stehen, mit ihm reden, mit ihm essen und noch immer nichts merken? Wie hätten dann die anderen etwas merken sollen, alle, die weiter weg waren?

Aber darum geht es nicht. Traudl Junge hatte Angst vor Journalisten. Aber vielleicht weniger vor ihrer Beharrlichkeit als vor ihrem Talent, an den wirklichen Dingen vorbeizufragen. Denn die Schuld, die andere einem geben können, ist nur gering im Vergleich zu der Schuld, die man sich selber geben kann. Vielleicht wäre Traudl Junge sich selber erspart geblieben, hätte man sie nach dem Krieg gebrandmarkt. So wie viele Ex-DDR-Bürger sich selbst erspart geblieben sind, weil sie sofort gezwungen waren, ihre "falschen Leben" zu verteidigen. Gegen zu großmaschige Schuldzuweisungen, ja schon gegen Fragen, die nicht zu ihren Geschichten passten. Verteidigung aber stabilisiert: Sie macht das Ich wieder heil, bevor es noch die Chance hatte, zu zerfallen.

Aber was, wenn eine im Adenauer-Deutschland steht und man ihre berufliche Vergangenheit betrachtet - nunja, als Ausweis einer besonderen Qualifikation? Wer für Hitler tippte, kann der nicht auch für die Illustrierte "Quick" Schreibmaschine schreiben? Da musste Traudl Junge schon ganz allein an dieser Gedenktafel für Sophie Scholl in der Münchner Franz-Josef-Straße vorbeilaufen, sehen, dass dieses Mädchen wie sie 1920 geboren wurde und in dem Jahr hingerichtet wurde, als Traudl Junge zu Hitler kam. Jugend, dachte Traudl Junge da und wurde den Gedanken nicht mehr los, ist also doch keine Entschuldigung.

Keine Entschuldigung, dass sie dreizehn war, als Hitler an die Macht kam? Dass es nie ein politisches Gespräch zu Hause gab? Dass sie ohne Vater groß wurde und andere schon um Satzanfänge beneidete, solche wie "Mein Vater sagt ...!"? Ist das vaterlose Mädchen schuld, dass Hitler ihr dann vorkam - wie ein Vater? Dass sie zum Ballett wollte und statt dessen tippen musste? Traudl Junge wurde Hitlers Sekretärin nicht wegen besonderer politischer Eignung, nicht als ausgezeichnete Jung-Fanatikerin, nein, es hatte sich einfach so ergeben. Die Reichskanzlei sollte eine Zwischenstation sein auf Traudl Junges Weg zum Ballett. Sie findet fast sechzig Jahre später die kongenialen Worte dafür: "Ich kam zu Hitler wie die Jungfrau zum Kind."

Die mal Hitlers Sekretärin war, die mit ihm aß, der er sein politisches Testament diktierte, spricht aus der Weltsicht dieser fremden jungen Frau. Schon, weil alles andere wertlos wäre. Sie spricht aus dem "toten Winkel" heraus. Denn sie habe, sagt Traudl Junge, im toten Winkel gelebt, gleichsam im Auge des Orkans, dort, wo völlige Windstille herrscht. Mag sein, Traudl Junge hatte eine unwillkürliche Angst vor diesem Sturm, ist jedem Luftzug ausgewichen. Umso stärker dann die Momente, wo die Fallhöhen unweigerlich kenntlich werden. Wo sie die Einsicht des Heute braucht, um das Gestern überhaupt formulieren zu können. Erstaunlich ist die Konzentration, die Kraft, mit der diese Einundachtzigjährige spricht, ihre Einfachheit, die nie Vereinfachung ist. Als hätte sie sich ihr ganzes Leben auf dieses Gespräch vorbereitet. Vor der Gewalt, der Notwendigkeit dieses Ausbruchs wird sogar André Heller stumm, eine kleine Nachfrage, ganz zu Anfang - mehr hören wir nicht vom Selbstdarsteller Heller. Nichts von der geradezu barocken Schnörkelhaftigkeit, zu der Heller neigt, ist an diesem Film, komprimiert aus zehn Stunden Gespräch.

Vielleicht hat sich Traudl Junge wirklich ihr Leben lang darauf vorbereitet. Und auf das Buch, dass sie nun doch geschrieben hat, nachdem sie 1947 schon einmal ihre Erinnerungen notierte. Gespräch und Buch - das musste noch getan werden. Wenige Stunden, nachdem "Im toten Winkel. Hitlers Sekretärin" im Februar auf der Berlinale Premiere hatte, ist Traudl Junge gestorben.

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