Kultur : Das Badische Landesmuseum Karlsruhe zeigt die Möbel des Architekten Egon Eiermann

Matthias Mochner

Egon Eiermann - 1904 bei Berlin geboren, 1970 in Baden-Baden verstorben - gehört zu den wichtigsten Architekten der Nachkriegszeit. Seine besondere Fähigkeit, die eigene Arbeitsleistung zugunsten derjenigen seiner vielen Mitarbeiter zurücktreten zu lassen, umgibt seine Persönlichkeit noch heute mit der Aura eines Übervaters. Darin dürfte der Grund für das Engagement liegen, mit dem ehemalige Arbeitskollegen die Ausstellung "Egon Eiermann - Die Möbel. Vom Expressionismus zum Industriedesign" in Karlsruhe förderten.

So findet sich im Eingangsbereich des vom Badischen Landesmuseum Karlsruhe und dem Südwestdeutschen Archiv für Architektur und Ingenieurbau der Universität Karlsruhe initiierten Projektes eine Inszenierung von Eiermanns Ausweichbüro- und Wohnbaracke in den Beelitzer Heilstätten bei Berlin (1943/44). Vor einem Großfoto des Architekten, das ihn konzentriert am Zeichentisch zeigt, sowie einer Innenaufnahme des Ateliers, drei Tischen mit Kopien von Bauentwürfen und diversen Arbeitsinstrumenten erscheint das Lehrer-SchülerVerhältnis atmosphärisch verdichtet. An der Wand hängen Pläne von Eiermanns bekanntestem Projekt: dem Bau der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche 1957-1963 in Berlin.

Eiermanns architektonisches Schaffen bildet jedoch lediglich die Folie, auf der das Thema "Möbel" zur Darstellung gelangt.Siebzig Werke spannen den Bogen von den frühen Einzelstücken des Architekten bis zu den nach 1945 entstandenen Serienmöbeln. Eine Entdeckung ist die 1929/30 für die BEWAG entworfene, expressionistische "Sitzgruppe für Konferenzzwecke". Distanziert er sich auch in späteren Jahren von diesen Stücken, da sie ihm rückblickend als mit zu wenig "Einsicht in ökonomische Zusammenhänge" ausgestattet erscheinen, so lassen sie seine Freude am Experiment doch deutlich erkennen. Ein Motiv, das sein gesamtes gestalterisches Schaffen durchzieht und sich beispielsweise im liebevollen Entwurf eines "Kinderkorbsessels" für seine Tochter Anna oder im "Baumtisch" mit Stahlrohrbeinen von 1950 manifestiert.

Eiermann entwirft mit besonderer Vorliebe Stühle. Berühmtes Beispiel ist der legendäre Klappstuhl "SE 18", der 1958 auf der Weltausstellung in Brüssel auf der Außenterrasse des Deutschen Pavillons steht. In den USA bereits seit 1953 im Handel, setzt sich dieses Modell "SE 18" durch und wird mit dem "Good Design"-Award des Museums of Modern Art New York prämiert.

Ausgehend vom "SE 18", der in der Ausstellung in unzähligen Spielarten und bis zur heute erhältlichen Variante vertreten ist, wird deutlich, dass Architektur und Innenraumgestaltung für Eiermann zusammengehören. Am prägnantesten wird dies ersichtlich an der Möblierung seines Wohnhauses in Baden-Baden und an der Bestuhlung von Kirchen. Für die von Eiermann konzipierte Matthäuskirche in Pforzheim entsteht 1952 der elegante Stuhl "SE 19" mit korbbespannter Sitzfläche. Für die Möblierung der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche in Berlin entwirft er den "SE 121". Das Berliner Kirchengestühl, das auch im Auditorium der Deutschen Botschaft in Washington Verwendung findet, soll "eine optimale architektonische Wirkung" erzielen. Und tatsächlich kann man sich im Dämmerlicht der blauen Glasfenster der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche leicht vom Wechselspiel zwischen ästhetischer Raumwirkung und der schönen Form des Möbels überzeugen.Badisches Landesmuseum Karlsruhe, bis 14. November.

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