Das Berliner Mauerfall-Fest - ein Blick zurück : Ereignis schlägt Event

Das Berliner Wochenende zu 25 Jahren Mauerfall war eine Feier der besonderen Art. Die Lichterlinie weckte eine gemeinschaftliche Erinnerung und rührte an ein großes, bloß verschüttetes Gefühl: Rückblick auf ein Erlebnis ganz ohne Trara.

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Schon Erinnerung. Ballons und ihr Schatten - am Sonntag an der Niederkirchnerstraße.
Schon Erinnerung. Ballons und ihr Schatten - am Sonntag an der Niederkirchnerstraße.Foto: jal

Man hätte enttäuscht sein können zum Finale dieses denkwürdigen Berliner Wochenendes. Das Licht der 8000 Ballons, die zwei ganze Tage und Nächte so zart vor sich hingeleuchtet hatten, erlosch bei ihrem lang erwarteten Abflug – nahezu seifenblasendurchsichtig stiegen sie in den Berliner Nachthimmel auf, es sei denn, mächtige Strahler am Boden leuchteten ihnen noch ein paar Sekunden länger hinterher. Der Kulminationspunkt: wenig fotogen, ja, überhaupt verpufft. Kein Lichtertanz weißer Kügelchen am Himmel, nein; die Hauptdarsteller der großen Berliner Simulationsinstallation zogen offenbar ein stilles Verschwinden vor.

Wie kommt’s, dass das dennoch nicht wirklich störte – über die technische Einsicht hinaus, dass sich die fürs Nachleuchten nötigen Glühlampen und Batterien wohl kaum mit einem biologisch sauber abbaubaren Produkt vertragen? Dieses Event – und das international massenkompatible Ding namens Fall of the Wall 25 trug alle Züge davon – hatte sich heimlich, still und leise in etwas genuin Eventresistentes verwandelt, ja, in sein Gegenteil: ein Ereignis.

Events sind durchgeplante Veranstaltungen mit attraktivem, fest umrissenem Inhalt und Ziel und fixem Programm. Großevents richten sich zudem nicht nur an die am Ort anwesenden Zuschauer, sondern sind, zumal in Berlin, perfekt medienkompatibel. So stiegen die Ballons, die 25 Jahre Maueröffnung symbolisierten, nicht etwa jubiläumshalber exakt um 23.20 Uhr auf, als sich einst an der Bornholmer Straße der Schlagbaum hob, sondern zur besten Abend- und Tagesschauzeit. Ja, Riesenevents wie dieses sind letztlich nichts anderes als ausgeklügelt vorab verkaufte Bilder und Gefühle für die Weltöffentlichkeit – Bilder, die der zeitgenössische Mensch gemeinhin seinem outgesourcten Gedächtnis namens Handy anvertraut.

Der Mauerfall als Ausnahme-Ereignis - mit Happy End

Nun hatte das neueste Berliner Event insofern eine Besonderheit, als es an ein kaum übertreffbares Ereignis erinnert. Ereignisse sind unvorhergesehen, etwas ereignet sich in denen, die es erleben und teilen, und sie speichern sich unmittelbar auf den im Grunde unerforschlichen Festplatten namens Hirn und Herz ab. Sind die Ereignisse groß, sind sie meist schlimm: 9/11 ist ein extremes Beispiel. Oder der Tsunami im Indischen Ozean, der vor zehn Jahren weltweit die Weihnachtsstimmung zerstörte. Auch Kriegsausbrüche, wiewohl stets böse geplant, werden meist so erlebt. Nur selten beginnen Ereignisse glücklich, auch dem Mauerfall ging ursprünglich jahrzehntelange deutsch-deutsche Dunkelheit voraus. Und nur selten münden sie, wovon leider auch der Verlauf vieler jüngerer Revolutionen kündet, in ein Happy End.

Schon fehlt die Lichterkettenlinie

Was aber belegt, dass dieses Jubiläumsfest nicht nur an ein Ereignis erinnerte, sondern selbst eins wurde – so einprägsam und nachhaltig, dass man schon jetzt die lichte Lichterkettenlinie zu vermissen beginnt? Zwar angestoßen durch eine Vorbereitungsmaschinerie, mobilisierte es massiv und spontan eine gemeinsam gespeicherte Glückserinnerung, da mögen die individuellen Folgen der Maueröffnung noch so unterschiedlich und auch schmerzhaft gewesen sein. Zum Verständigungsbedürfnis drängte es die Menschen ebenso wie zur Freude, die erinnerte Erfahrung den eigenen Kindern anschaulich und nachspürbar zu machen. Deutschland: ein Schauermärchen des 20. Jahrhunderts, gewiss, aber eines mit einstweilen glücklichem Ende. Und wenn es nicht gestorben ist, dann lebt es noch heute. Und wie.

Touristen entwickeln ein Gespür für dieses Narrativ, wie man neuerdings jenen energetischen, dramatischen Kern von Dingen nennt, die im kollektiven Gedächtnis weiterglühen. Die grundcoolen Berliner dagegen haben sich zwei Jahrzehnte lang davon eher abgewandt, um sich nun zum ersten Mal der von ihnen geschaffenen und so unvergesslichen Erfahrung zuzuwenden. Und – vielleicht grundiert diese Ahnung das intensive Gemeinschaftserleben dieses Wochenendes zusätzlich – in dieser anrührenden Form wohl auch zum letzten Mal.

Das Ereignis: kein Jubel wie damals, aber ein unablässiges hunderttausendstimmiges Gespräch. Kein messbarer Augenblick wie ein Konzertbeginn oder ein Redebeifall, sondern das Entlangwandern an einem persönlich gewählten Stück der 15 Kilometer langen, Materie gewordenen Illumination. Das Staunen darüber, dass – etwa in Nebenstraßen zwischen Kreuzberg und Mitte – absolut alles neu bebaut ist, aber auch das Einverstandensein mit diesem Neuen. So wirkt sogar das von manchen bemäkelte und tatsächlich wenig erleuchtende Davonfliegen der Ballons wie ein listiger Hinweis: Ereignis schlägt Event, immer. Ganz besonders diesmal und hier. Jan Schulz-Ojala

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