Kultur : DAS BIOGRAFISCHE OSTERRÄTSEL

Ei, ei, ei: Zehn Prominente gilt es anhand ihrer Lebensläufe zu erraten. Nicht alle glaub(t)en an die Auferstehung Christi. Und doch haben sie mit dem Osterfest zu tun – mal mehr, mal weniger.

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Ein Jongleur

zahlreicher

Formeln

1 Das Fest von Christi Auferstehung hat – anders als das seiner Geburt – kein festes Datum. Es gibt eine Regel, die 325 auf dem Konzil von Nizäa formuliert wurde. Demnach soll Ostern auf den ersten Sonntag fallen, der dem ersten Vollmond nach Frühlingsanfang folgt. Damit ist der 22. März das früheste und der 25. April das letzte Datum, auf das Ostern fallen kann. Doch was bedeutet das für das Osterfest, sagen wir in zwei Jahren oder drei Jahren? Aus dem Taschenkalender lässt sich höchstens das Osterdatum des nächsten Jahres entnehmen. Was der aktuelle Kalender nicht zeigt, lässt sich ausrechnen. Mit einer Formel, die ein berühmter deutscher Mathematiker entwickelt hat. Exakt im Jahr 1800 wurde sie erstmals veröffentlicht, 16 Jahre später erhielt die Osterformel die heute gültige Fassung. Was mag den frisch promovierten Forscher dazu bewegt haben, eine solche Rechenvorschrift für das Auferstehungsfest zu entwickeln? Wahrscheinlich, weil es für ihn einfacher war, die recht umfangreiche Formel auszurechnen als in astronomischen Tafeln die Zeiten von Neu- oder Vollmond nachzuschlagen. Denn Mathematik war für ihn vor allem eine Methode, das Leben zu vereinfachen. Das zeigte sich schon in der Volksschule, als der Lehrer die Aufgabe stellte, die Zahlen von eins bis 100 zusammenzuzählen. Der mathematisch hoch begabte Knabe löste das Problem in kürzester Zeit, indem er 50 Zahlenpaare der Summe 101 bildete. Als 19-Jähriger schaffte er die Sensation, als Erster ein regelmäßiges Siebzehneck mit Zirkel und Lineal zu konstruieren. Das Porträt des Universalgelehrten, der Astronomie, Geodäsie und Physik stark beeinflusste, sollte später Geldscheine und Briefmarken zieren.

Ein

moderner

Abenteurer

2 Das Abenteuer war für ihn stets nur eine Zugabe. Denn sein gesamtes Leben hat er sich mit nichts anderem als mit wissenschaftlicher Forschung beschäftigt, seit er als 18-Jähriger anfing, in der Hauptstadt seines nordischen Heimatlandes Zoologie sowie Geografie zu studieren und sich in Anthropologie auszubilden. Er experimentierte mit den Mitteln des Altertums und erforschte unbekannte Kulturen, vor allem aber widerlegte er das lange Zeit geltende Dogma über die Seetauglichkeit vorgeschichtlicher Schiffstypen. Er ließ sie nachbauen und probierte sie unter extremen Bedingungen aus. Denn für ihn war der Weg das Ziel, das in vielen Fällen auch heute noch über Land nicht zu erreichen ist. Diese atemberaubenden Expeditionen bescherten ihm weltweite Anerkennung. Seine Bücher wurden Bestseller. Er erhielt zahlreiche Preise, Universitäten in Europa, Nord- und Südamerika verliehen ihm Ehrendoktortitel und auch die Unesco würdigte ihn für seine herausragenden Leistungen und eines seiner Ziele wurde Teil des Weltkulturerbes. Eine seiner letzten Missionen führten ihn in den 1990er Jahren auf die Kanarischen Inseln und noch im Alter von 86 Jahren suchte er nahe den Gestaden am Schwarzen Meer nach Spuren auf den Kriegsgott Odin. Im April 2002 stirbt der Forscher an den Folgen eines Hirntumors auf dem Familiensitz in Italien.

Ein Macher

für die Spitze

eines Konzerns

3 Der Sprung vom Stellvertreter an die Spitze kam zwar nicht ganz überraschend, aber doch ein Jahr früher als geplant. Da sein Vorgänger unter unrühmlichen Umständen das Feld räumen musste, lag es an ihm, das stark zerrüttete Vertrauen wiederherzustellen. Keine einfache Aufgabe in einer Zeit, die wohl die härteste Krise für den Konzern darstellte. Sein Einfluss ist gigantisch, seine Aufgabe jedoch auch – entsprechend der Größe des weltweit agierenden Unternehmens, mit dem er schon seit 30 Jahren verbunden ist. Nur gut, dass der 50-Jährige als pragmatisch, zupackend und kämpferisch gilt: Er sei kein Zauderer, wird über ihn gesagt. Ihn scheint es dabei nicht zu stören, auch mal als arrogant bezeichnet zu werden. Schon durch seine äußerliche Erscheinung – der meist braun gebrannte Mann mit dem breiten Scheitel ist länger als 1,90 Meter – fällt es schwer, ihn zu übergehen. Geboren wurde der Sohn eines Eisenbahners ganz in der Nähe seiner heutigen Wohn- und Arbeitsstätte. Das politische Interesse hat ihm sein Großvater mütterlicherseits vererbt: Beide teilen das gleiche Parteibuch. Opa ist er inzwischen selbst schon, mit seinem Enkel Jeff-Louis soll er gerne einen Teil seiner Freizeit verbringen. Ansonsten liebt der Mann mit den ausgeprägt kantigen Gesichtszügen guten Wein und Zigarren – und schnelle Fahrzeuge. So fährt er gerne mit seinem Motorrad durch die Gegend. Und mit Leidenschaft betreibt er auch ein anderes Hobby: Er ist fanatischer Fan gleich zweier Fußballklubs aus seiner Heimatregion. Eine ganz andere Mitgliedschaft eint den gelernten Industriekaufmann zudem mit einer weltberühmten Rocklegende: Mick Jagger und unser Mann sind Mitglieder eines renommierten Clubs, der nach der Piano-Bar eines Nobelhotels benannt ist. Für den Fall, dass sie vorbeischauen, steht dort für jeden eine eigene, mit feinstem Obstbrand gefüllte Flasche bereit. Ob sie den zusammen trinken, ist nicht bekannt.

Die

wichtigste

Zeugin

4 Das einzige Buch, das uns über ihr Leben berichtet, stiftet leider auch gründlich Verwirrung. Sie war nämlich nicht die einzige Freundin und Vertraute ihres Meisters, die diesen Vornamen trug, und so sah die Legende später in ihr und zwei Frauen gleichen Namens ein- und dieselbe Person. Grund, dem Freund dankbar zu sein, hatten schließlich alle drei und sie zeigten ihren Dank und ihre Verehrung für ihn auch auf dieselbe Weise. In ihrem Fall war der Grund dafür ihre Heilung. In heutiger Sprache ausgedrückt, litt sie wohl an einem schweren psychischen oder Nervenleiden, von dem der Meister sie befreite. Sie unterstützte ihn und seinen Freundeskreis mit ihrem nicht unbeträchtlichen Vermögen und wurde ihm als Vertraute so wichtig, dass er sie bei seinem Tod zur Hauptzeugin seiner Sendung machte. Trotz Unterschieden in Details sind sich die verschiedenen Berichte in diesem Punkt einig. Wissenschaftlerinnen, die sich mit dem Wirken ihres Meisters beschäftigen, sehen darin denn auch das wesentliche Zeichen, dass er selbst keineswegs Patriarchat und Frauenverachtung huldigte, die seine Nachfolger in seine Lehre einfälschten. Noch ein Tipp: Ihren zweiten Namen, ein heute nicht mehr so häufiger Mädchenname, hat sie von ihrem Heimatdorf. Es liegt an einem See.

Ein

Traummann

der Männer

5Dermaleinst werden die Hasen kommen und den toten Löwen an seinen Ohren zupfen. Sie werden wissen, wo sie ihn suchen müssen. Sein Grab hat er sich längst gekauft. Er will neben einer Sexgöttin zu liegen kommen. Ihr Abbild bringt ihm großes Glück, sie verkörpert seine Geschäftsidee wie keine Frau nach ihr. Und der Mann lässt die Idee, für deren Verwirklichung er sich von Bekannten einen Haufen Dollar leiht, nie wieder los – und sie ihn auch nicht. Alles andere wäre unsinnig, sein Einfall macht ihn reich und weltberühmt. Ein Mann, der die Frauen liebt und sich nie nur für eine an seiner Seite entscheiden kann, der benutzt die Frauen auch. Als ein führender Mitarbeiter auf den verwegenen Gedanken kommt, dass Frauen nicht nur ausgezogen, sondern erotisch verkleidet werden können, gibt es kein Halten mehr. Feministinnen laufen Sturm gegen die Degradierung und Verniedlichung: die Frau als Sexobjekt, die Frau als Spielzeug, die Frau als Kurvensilhouette mit merkwürdigstem Kopfschmuck. Auch die Konserverativen können nicht anders, sie demonstrieren gegen das, was sie als unmoralisch und obszön ansehen. Die Empörung kann den Geschäftserfolg ganz und gar nicht eintrüben, auch wird der Typ im Morgenmantel nicht leiser und zurückhaltender, als ein neuer und gefährlich erfolgreicher Konkurrent von einem Fanatiker zum Krüppel geschossen wird. Der Mann aus der großen Stadt am großen See kommt in die Jahre, seine Idee, inzwischen in alle Richtungen kommerzialisiert, kommt in die Rezession. Das inflationäre Branding wird zurückgenommen, der Kern der Marke wieder gestärkt. Das ist die Sache einer toughen Frau, der Tochter. Auch das Logo, so populär und eingängig wie der Mercedes-Stern, bleibt. Der Vater tritt jetzt in Kinofilmen auf, zelebriert weiter öffentlich sein Sex-Leben, selbst wenn er, wahrscheinlich als Tribut ans Alter, seinen Harem deutlich verkleinert. Nicht bekannt ist, ob der ehemalige Werbetexter zu Ostern Eier sucht oder seine Frauen danach suchen lässt. Seine Frauen wären bestimmt erfolgreicher, weil sie von Hasen und von der Hasenjagd eindeutig mehr verstehen.

Ein Erfinder

mit einem

Faible für Tiere

6 Unser Mann hatte seine große Zeit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg bis Mitte der fünfziger Jahre. Damals machte der US-Amerikaner eine Erfindung nach der anderen, die weltweit bei den einen viel Heiterkeit bewirkten. Es erfand zum Beispiel ein sprechendes Staubkorn, das immer noch im Handel ist. Es gab aber auch Kritiker seiner Arbeit, die einige seiner Schöpfungen am liebsten verboten hätten. In den siebziger Jahren wollten viele Deutsche nichts mehr von ihm sehen. Geboren 1912, aufgewachsen in Los Angeles, studierte er zunächst am Chouinard Art Institute. In seinem langen Leben beschäftigte er sich viel mit Tieren. „Je älter ich werde“, sagte der in seinem 90. Lebensjahr Verstorbene, „desto mehr Persönlichkeit finde ich in Tieren, desto weniger Persönlichkeit finde ich in Menschen.“ Viele seiner umstrittenen Tierexperimente schienen ihn in seinem Urteil zu bestätigen: Tiere können viel Persönlichkeit ausdrücken. Das gilt nicht nur für Osterhasen und für Knut.

Ein Fischerssohn, eifersüchtig

und erfolgreich

7 In der Heimat seiner Vorfahren hat man seine Karriere eher beiläufig verfolgt. Dort interessiert sich niemand für den Sport, in dem er zu einem Helden des zwanzigsten Jahrhunderts aufstieg. Sein Vater hätte es lieber gesehen, wenn sein fünfter Sohn wie er Fischer geworden wäre. Unser Mann aber ertrug den Gestank des toten Fisches nicht. Immer wieder wurde ihm schlecht, und außerdem trieb er sich viel lieber auf Sportplätzen herum. Er war so talentiert, dass ihn die berühmteste Mannschaft in der größten Stadt des Landes kaufte. Knapp 20 Jahre lang gehörte er zu den Besten. Als er seine Karriere aus gesundheitlichen Gründen beendete, war er immer noch so populär, dass sich die begehrteste Frau des Landes in ihn verliebte. Die Ehe mit dieser Schauspielerin war kurz und heftig, gekennzeichnet von seiner rasenden (und wohl nicht ganz unbegründeten) Eifersucht. Es gibt da eine Filmszene, sie gehört zu den berühmtesten der Kinogeschichte und fällt für heutige Verhältnisse geradezu züchtig aus. Der Regisseur aber erzählte später, er habe dem Mann beim Dreh dieser Szene in die Augen geschaut und Mordlust darin entdeckt. Jahre nach der Scheidung fand das Ehepaar noch einmal zusammen, aber eine gemeinsame Zukunft gab es nicht mehr. Die Frau starb jung einen bis heute geheimnisvollen Tod. Er blieb bis ins hohe Alter ein Idol der Massen und fand Erwähnung in einem der berühmtesten Bücher aller Zeiten und in den Popsongs dreier Generationen. Kurz vor dem Osterfest 1999 starb er im 85. Lebensjahr.

Einer,

der mit den

Hasen tanzte

8 Da wo er herkommt, kann man sie heute noch auf den Feldern herumspringen sehen, die Hasen. Dass sie in jedem Zustand eine große Rolle in seinem Leben spielten, war nicht zu übersehen. Er selbst nannte sich einmal in einem Interview „einen draufgängerischen Hasen“, was vielleicht nicht so richtig mit seiner doch recht spröden Außendarstellung zusammenpasste, die der Gegend, in der aufwuchs entsprach. Immerhin hat er sich dort im Elternhaus seiner beiden treuesten Freunde von einer schweren Depression erholt. Auch die umgebende Landschaft bezeichnen viele Besucher als zutiefst deprimierend, was sicher auch mit den vielen Trauerweiden zusammenhängt, die die Feldwege säumen. Wenn er nicht darüber theoretisierte, dass er allen zutraute, die Arbeit, der sich der Gesuchte verschrieben hatte, machen zu können, wohnte er tagelang mit wilden Tieren zusammen oder versuchte, einem toten Hasen die Welt zu erklären. Seine tiefe Tierliebe teilte er mit dem Tierfilmer Heinz Sielmann. Der war während seiner Militärzeit im zweiten Weltkrieg sein Offizier. Die Kriegserlebnisse in Russland waren für ihn nicht nur traumatisch: Was er nach seiner Kriegsverletzung dort erlebte, bildete eine wichtige Inspirationsquelle für sein späteres Lebenswerk. Und mit Meister Lampe identifizierte er sich so stark, dass er später einmal sagte: „Ich bin kein Mensch, ich bin ein Hase.“

Der Verfasser

eines

Klassikers

9 „Das lass mal drucken“, hat seine Frau gesagt, als er ihr 1922 mitten in der Nacht seine berühmteste Geschichte vorgelesen hatte. Und das ist seither mehr als eine Million Mal passiert. Ostern ohne diesen Klassiker ist in Familien mit Kindern kaum denkbar. Dabei handelt es sich nicht gerade um einen aus heutiger Sicht pädagogisch einwandfreien Text. Das Erziehungsideal entstammt eindeutig der Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Doch weil unser Autor sich mit einem genialen Zeichner verbunden hatte, können sich auch die heutigen Leser dem Charme der Geschichte nicht entziehen. Um was es geht? Um die Schule. Das Buch erschien 1924, als Ostern und Schulanfang zusammenfielen. Der Autor litt schwer unter einer Kriegsverletzung aus dem Ersten Weltkrieg, von der er sich nie mehr erholte. Viele seiner Verse seien in hohem Fieber entstanden, entschuldigte er sich selbst.

Ein Dichter

aus berühmtem

Geschlecht

10 Nach der Familie ist eine Beilage benannt, aus Porree, Sellerie und Wurzelgemüse. Eine Buttercreme-Torte gibt es auch. Ganz zu schweigen vom Schmorsteak und dem Rollbraten. Man hat, scheint es, immer gern gegessen.

Musiziert hat man allerdings auch eifrig. Joseph Haydn, dreißig Jahre lang im Dienst der Familie, komponierte für sie wichtige Werke, Franz Liszt, dessen Vater Verwalter auf den Familiengütern war, wurde dort entdeckt, Franz Schubert unterrichtete die Fürstentöchter Caroline und Anna. Auch eine Raffael-Madonna, heute im Museum der Bildenden Künste in Budapest, stammt aus dem Besitz der Familie und heißt nach ihr.

Mehr als acht Jahrzehnte Familiengeschichte stehen hinter dem stolzen Namen, der in der ersten urkundlichen Erwähnung 1527 noch als Zerház de Zerhásház geführt wird. Kaisertreu war man schon immer, wurde zunächst in den Grafen-, dann in den Fürstenstand erhoben und ist sogar entfernt mit dem britischen Königshaus verwandt. Nach dem Ende der Donaumonarchie brach der Güterbestand auseinander, wurde nach 1945 von den Kommunisten enteignet und ist heute über sechs Länder verteilt. Die Familie hat noch Besitz im Burgenland. Die Clangeschichte, auch die Verstrickungen nach dem Zweiten Weltkrieg, hat ein Familienmitglied, das wir hier suchen, in einem Roman behandelt. Ein anderes Familienmitglied schoss bei der Fußball-WM 1986 in Mexiko ein Tor. Der Name ist aber auch von Irene Dische und Hans Magnus Enzensberger zum Titel eines wunderbaren Kinderbuchs gemacht worden.

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