Kultur : Das charmanteste Lächeln der Operngeschichte

UWE FRIEDRICH

Schon während der Ouvertüre tauschen der Prinz Don Ramiro und sein Diener Dandini die Kleider, um mit ihrem Kleinwagen auf Brautschau zu gehen. Sie treffen zunächst auf Clorinda und Tisbe, zwei aufgetakelte Fregatten, denen die große Liebe egal ist, wenn nur die Kasse stimmt. Aber natürlich findet auch in Gioacchino Rossinis Märchenoper "La Cenerentola" - in Rheinsberg auf deutsch als "Aschenputtel" aufgeführt - der Prinz schließlich seine herzensgute Angelina. Die entsteigt beim Ball einem überlangen "Pink Cadillac of Love" und sieht im roten Abendkleid mindestens so attraktiv aus wie Audrey Hepburn.Regisseur Michael Temme und seine Ausstatterin Bettina Bender haben die Geschichte aus dem Traumland der Phantasie ins Amerika der fünfziger Jahre verlegt. Die Komödie findet nun zwischen Swimming-Pool und Hollywoodschaukel, Straßenkreuzer und Schminkkommode statt. Auf der cinemascope-breiten Spielfläche tragen die Darsteller weit geschnittene Glitzeranzüge oder eng anliegenden Bikinis, häßliche Pyjamas oder farbenfrohe Badehosen.Ebenso wie die Ausstatterin ist auch der Regisseur offenbar inspiriert vom amerikanischen Filmregisseur John Waters. Für seine aufgeschrillte "Aschenputtel"-Version nutzt Temme die gesamte Bühnenbreite, um die Protagonisten geschickt zusammenzuführen und wieder voneinander zu entfernen. So macht er die beiseite gesprochenen Passagen plausibel, findet überzeugende Lösungen für die großen Ensembles und versucht erst gar nicht, das operntypisch überstürzte Happy End mit tieferem Sinn zu überfrachten. Die Komödie rauscht frisch und amüsant vorüber, was vor allem am spielerischen Talent der jungen Sänger liegt.Mit dem charmantesten Lächeln der Operngeschichte und punktgenauem Stakkato tänzelt Martyn Sanders durch seine Koloraturen als Kammerdiener Dandini. Immer wieder macht er deutlich, daß diese Komödie auch als Tragödie für alle Beteiligten enden könnte. Das gilt vor allem für die arroganten Schwestern Aschenputtels. Der beste Gesang des Abends kommt dabei zweifellos von Kristiane Kaiser als Clorinda. Aufgeregt in Petticoat und Stöckelschuhen schnatternd, bietet sie perfekten Stimmsitz, ausgeglichene Register und warme Klangfarbe. Schade, daß sie fast nur in Ensembles auftritt, doch ihre Stimme verschmilzt perfekt mit der ihrer Schwester Tisbe (Anna Larsdotter Persson). David Olafsson als ihr Vater muß sich etwas zu oft in veristische Schluchzer und Stöhner retten, aber dem komödiantischen Eindruck des Hochstaplers schadet das nicht. Ebenfalls einen zwiespältigen Eindruck hinterläßt Sinisa Storck als Magier (oder Philosoph) Alidoro. Es fehlen ihm die profunde Tiefe, aber auch das immense technische Können für die schwierige Partie.Derlei technische Beschränkungen kennen die Sänger der beiden Hauptrollen nicht. Der Tenor Neal Banerjee zeigt in der anspruchsvollen Partie des Prinzen weder Schwächen noch Nervosität. Über alle Register bis in die extremsten Höhen ist seine Stimme ausgeglichen und sicher geführt, allenfalls etwas zu nasal gefärbt. Als Aschenputtel versieht Claudia Codreanu-Mihalcea schon ihr Auftrittslied mit melancholischer Wärme und subtiler Trauer. Zu Beginn noch ein wenig nervös und gehemmt, kann sie sich in den verhaltenen Passagen freisingen, um im Schlußrondo das restliche Ensemble zu überstrahlen.Alle Sänger sind bei der Dirigentin Barbara Day Turner in sicheren Händen. Sie holt aus den Brandenburger Symphonikern tatsächlich eine Art märkischer Italianità heraus, und selbst wenn Bühne und Orchester auseinanderzubrechen drohen, fängt sie die Ausbrecher wieder ein, bringt die Musiker auch in den kompliziertesten Ensembles sicher wieder zusammen. Und wenn im großen Sextett vor dem Finale auch noch italienisch gesungen wird, ist das Glück perfekt. Hier darf die Musik elegant fließen, und natürlich versteht das Publikum den komponierten Humor selbst dann, wenn es den Text nicht kennt.

Schloßhof Rheinsberg, weitere Aufführungen: 27., 28., 30. und 31. Juli.

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