Kultur : Das drohende Koma

GREGOR SCHMIDT-STEVENS

Mit ihrem Rückblick auf die Geschichte des Komponierens im geteilten Deutschland ist die Berliner Musik-Biennale nun in den achtziger Jahren angekommen: eine Zeit, in der Dogmen und Spannungen einem friedlichen Pluralismus der Stile gewichen sind.Im Vergleich mit der wirklich zeitgenössischen Musik unserer Tage schneiden die Kompositionen der achtziger Jahre gar nicht so schlecht ab, wirken sie doch nicht selten jünger, frischer und lebendiger als die zahlreichen Uraufführungen der Auftragswerke der diesjährigen Musik-Biennale.

So war es auch beim Konzert des Ensemble Modern im Kammermusiksaal der Philharmonie, das mit Friedrich Goldmanns zweitem "Ensemblekonzert" aus dem Jahre 1985 eröffnet wurde.Das Stück hat eine klare bogenförmige Anlage: Unisono-Klangfelder rauhen sich auf, münden in einen rhythmisch bestimmten Mittelteil, ehe sich die Musik zu ihrem Anfang zurückbewegt.Die architektonisch geschlossene Form deutet ebenso auf Goldmanns spezifisches Traditionsverständnis wie die materialgerechte, handwerklich gründliche und instrumentengerechte Kompositionstechnik.Daß im Mittelteil unvermutet tonale Felder auftauchen, die an den süßlichen amerikanischen Minimalismus à la John Adams erinnern, erscheint heute als ironischer Verweis auf eine zumindest ästhetisch doch noch geteilte Welt.Mit Goldmanns "Ensemblekonzert" war ein kompositorischer Maßstab gesetzt, den die Uraufführungen von Georg Friedrich Haas ("Monodie") und Rebecca Saunders ("cinnabar") nicht erfüllen konnten: Hier der Versuch, aus dem Ensembleklang heraus monodische Strukturen zu suggerieren, dort eine zerrissene Farbstudie, die mit hochdifferenzierten Spieltechniken den Einklang zu beleben versucht.Beides scheiterte an einer offensichtlichen Kluft zwischen dem kompositorischen Konzept und seiner handwerklichen Umsetzung.Da vermochte auch die präzise Einstudierung von Peter Rundel und dem Ensemble Modern nicht viel zu retten.Die drei Sätze aus Helmut Oehrings "Koma" schließlich wurden zur harten Geduldsprobe: eine wirre, zerklüftete, nicht enden wollende Musik für zwei verstärkte Gitarren und Ensemble, vor der so mancher Hörer, der zu seinem Glück einen strategisch günstigen Sitzplatz hatte, floh.

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