Kultur : Das Ende der Mir: Letzte Station

Elke Windisch

Halbtrockener Sekt gehörte am letzten Abend vor dem Start zur Mir ebenso dazu wie die "Weiße Sonne der Wüste" - eine nicht ganz gelungene Kino-Komödie, in der ein russischer Zöllner in der Wüste hinter dem Kaspischen Meer die Überlegenheit der kommunistischen Weltordnung demonstrieren soll. Auch Raumfahrt war von Anbeginn an knallharter Wettbewerb der Systeme. Auch dann noch, als das angeblich überlegene schon verloren hatte.

20. Februar 1986. Von Weltraumbahnhof Baikonur hebt eine Proton-K-Rakete mit dem Basismodul der Mir ab. Sektkorken knallen landesweit auch noch in der abgelegensten Kolchose: Wir sind immer die Besten, jubelte damals das Staatsfernsehen. Viele glaubten es, andere trösteten sich damit über die Mangelwirtschaft hinweg. Was die Öffentlichkeit nicht ahnte: Ganze Komponenten der Mir hatten, als die Station den Normalbetrieb aufnahm, das Doppelte des geplanten Betriebszeitraums schon hinter sich und waren auch technisch längst hinter dem Mond. Folgen der Hochrüstung, bei der Moskau zunehmend der Atem ausging.

Russlands Generalität kämpfte dennoch bis zum Letzten um den Erhalt der Mir. Der Grund: An Bord der geplanten internationalen Raumstation ISS steht Moskau nur noch ein Drittel der Plätze zu, und mit einer konstanten Erdbeobachtung ist es vorbei.

Auf der Mir flog von Anfang an ein blinder Passagier mit: Geldmangel, der aus manchen Expeditionen ein Himmelfahrtskommando im doppelten Wortsinn machte. Keine 25 Tage nach Inbetriebnahme der Mir schickt das Flugleitzentrum Leonid Kisim und Wladimir Solowjow auf eine Reise, die gut ihre letzte hätte werden können: Ihr Ziel ist das längst abgeschriebene und auf einer höheren Umlaufbahn geparkte Forschungsschiff Saljut-7. Von dort sollen sie Geräte holen, die auf der Mir dringend gebraucht werden.

Pläne für eine größere und modernere Mir-2, die in spätestens fünf Jahren starten sollte, wurden schon 1988 auf Eis gelegt und erst für das Sarya-Modul der neuen internationalen Weltraumstation ISS entmottet. 1990 steht Moskau sogar vor der Wahl, entweder die Alimentierung von Ländern mit "sozialistischem Entwicklungsweg" oder die bemannte Raumfahrt einzustellen.

1992, als die Sowjetunion gerade das Zeitliche gesegnet hat, erreicht die Inflationsrate im postkommunistischen Russland 1500 Prozent jährlich. Die Pausen zwischen den Flügen zur Mir werden länger, Forschung wird von den Geräten an Bord erledigt. Die Kosmonauten sind eher als Schlosser, Klempner und Feuerwehrleute gefragt.

Im September 1994 sehen Millionen das zwei Mal misslungene automatische Andocken eines Transportschiffes an die Mir. Das Manöver gelingt erst, als Bordingenieur Jurij Malentschenko aus der Station in das bereits angekoppelte Zubringer-Schiff Sojus TM-19 umsteigt und den widerspenstigen Boliden per Handsteuerung zur Räson bringt.

Die Crew im Flugleitzentrum sieht es mit feuchten Händen und weichen Knien: Wäre der Coup ein drittes Mal missglückt, hätte Russland sein Raumfahrt-Programm in den Rauch schreiben können. Der Transporter, der einen japanischen Forschungssatelliten sowie millionenschwere Geräte der Nasa und der europäischen Raumfahrt-Agentur Esa an Bord hatte, wäre dann in den intergalaktischen Orkus getorkelt. Und mit ihm der von der Mir-Besatzung sehnlichst erwartete Nachschub an Treibstoff, Lebensmitteln und Trinkwasser, das an Bord knapp wurde.

Dass mit der Greisin nichts Schlimmeres passierte, ist vor allem dem Improvisationsvermögen der krisenfesten Russen zu verdanken. Die Mir, meint Astronaut Konstantin Feoktistow, habe ihr Pensum übererfüllt. Möge sie in Frieden ruhen.

Der "nationale Aufschrei", wie ihn die Kommunisten voraussagten, hält sich auch in Grenzen. Mit der Ex-Ikone der russischen Raumfahrt kann sich nach dem verlorenen Wettbewerb der Systeme niemand mehr über sein ganz persönliches Elend trösten. Das Seelendrama der Russen, die von der Mir nicht lassen können - erdichtet von westlichen Blättern? So sieht es ein Moskauer Nachrichtenmagazin. Der Appell einer Initiative aus Weißrussland, jeder Bürger der ehemaligen Union möge in einen Fonds den Gegenwert für einen Dollar einzahlen, erbrachte ganze 20 000 Rubel (1600 Mark).

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