Kultur : Das Ensemble Modern spielt Stockhausen und Harvey

Isabel Herzfeld

"Zwei der führenden Komponisten elektronischer Musik" stellte das Ensemble Modern im Hebbel-Theater gegenüber: der eine, Karlheinz Stockhausen, ist auf den verschiedensten Ebenen spektakulär hervorgetreten, der andere, der 1939 in England geborene Jonathan Harvey, wohl eher ein Insider-Tipp. Viel sagt diese Konfrontation jedoch über die Entwicklung der elektronischen Möglichkeiten und ihren Anteil an der kompositorischen Substanz aus. In "Bhakti" von 1982 brennt Harvey ein wahres Feuerwerk an Farben ab - gewissermaßen bengalische Lichter, denn das Werk ist vom Hinduismus inspiriert. In zwölf Sätzen entfaltet sich die meditative Aura intensiv leuchtender oder zart schwebender Klangbänder, brechen in harten Rhythmen Konflikte aus, brodelt die Ursuppe in schillernden Trillerbewegungen. Micha Hamel leitete das mit ausdrucksstarker, atemberaubend präzise befolgter und doch den fließenden Charakter unterstreichender Gestik. Was der Computer verfärbt und verfremdet durch den Raum schickt, ist lediglich das gespielte Material, natürliche Steigerung dieser Virtuosität, verrät nur selten etwa in geräuschhaften Ausdünnungen oder zirkulierenden Obertonspektren seine Künstlichkeit. Auch Stockhausens "Mantra" ist altindischem Denken verbunden. Doch wo Harvey zu leicht redundanter Klangsinnlichkeit vorstößt, ist die meditationsfördernde Mantra-Formel allgegenwärtige strenge Struktur. Was die Pianisten Ueli Wiget und Hermann Kretzschmar aus den alten Sinusgeneratoren, Kompressoren und Ringmodulatoren holen, ist Askese pur. Wie Murmeln kullern die immer gleichen Töne umher. Das steht einer Deutung als Kommunikationsspiel nicht im Wege: etwa wenn die Pianisten verbissen-komisch darum streiten, wer seine Cluster-Folgen in horrender Sprungtechnik zuerst fertig bringt.

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