Das Ensemble Resonanz beim Musikfest Berlin : Alles rutscht

Beim Musikfest Berlin mischt das Hamburger Ensemble Resonanz Schubert mit Neuer Musik von Rebecca Saunders und Enno Poppe.

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Prima inter pares. Die Bratscherin Tabea Zimmermann arbeitet eng mit dem Ensemble Resonanz zusammen. Foto: Marco Borggreve/Promo
Prima inter pares. Die Bratscherin Tabea Zimmermann arbeitet eng mit dem Ensemble Resonanz zusammen.Foto: Marco Borggreve/Promo

Schubert, Enno Poppe, Rebecca Saunders, geht das zusammen? Die Streicherouvertüre c-Moll als Frühwerk aus dem 19. Jahrhundert und die beschwingte 5. Sinfonie gleichsam als Rahmenhandlung fürs Zeitgenössische, für Poppes und Saunders’ Befragung der Töne, ihr Zerfleddern und Zerbröseln der Klänge?

Die Wirkung in diesem kreisförmig angelegten, mit drei hochkonzentrierten Stunden etwas überlangen Musikfest-Abends im Kammermusiksaal ist jedenfalls verblüffend. Das auf die Vermittlung und Verquickung von Alt und Neu spezialisierte Ensemble Resonanz spielt Schubert ohne Dirigent, duftig in den lyrischen Partien, zupackend und sympathisch drängelnd bei den Tutti-Passagen, mit naturgemäß verschliffenen Kanten. Aber wer Poppes Streichquartett „Tier“ (2002) gehört hat – wahrlich eine zuckende, jaulende Katze, die ständig zum Sprung ansetzt und ihre Pizzicato-Krallen ausfährt, um sich gleich darauf friedlich zu trollen – oder Saunders’ Cellokonzert „Ire“ (2012) eine zittrige Zornes-Studie mit der fabelhaften Koreanerin Saerom Park als Solistin, für den klingt Schubert ganz anders. Kompakt, versiegelt, auftrumpfend agogisch, trotz der behänden Interpretation.

Derart befragt, tritt die Körperlichkeit der Musik zutage

Poppe und Saunders hinterfragen das Wesen der Musik auf ähnliche Weise: mit Glissandi und XXL-Vibrato, Mikrointervallen und Tonhöhenextremen von grollend-röhrenden Bässen bis zu Ultraschallhöhen. Alles rutscht, verzerrt, löst sich auf, regt sich. Spätestens bei Saunders’ Streichquartett „Fletch“ (2012), gefolgt von Poppes Bratschenkonzert „Filz“ (2015) mit Tabea Zimmermann vor der zweiten Pause tritt die Körperlichkeit des Musizierens mit seltener Intensität wahr. Hier ein flatternder Finger, dort ein angespannter Muskel, ein Becken, das kippt. Die tastenden, sezierenden, ins Expressive sich verdichtenden, manchmal erschöpft zurückbleibenden Werke leben nicht zuletzt vom Engagement und der Natürlichkeit des Ensembles Resonanz. Man wird neidisch auf die Hamburger, die mit den Musikern neben all ihren anderen Aktivitäten in der Hansestadt eine Residency in der Elbphilharmonie vereinbart haben.

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