Kultur : "Das Experiment": Der Teufel in uns

Ralph Geisenhanslüke

Der Mensch, so sagte Thomas Hobbes, ist des Menschen Wolf. Zeitgemäßer müsste es heißen: Der Mensch ist des Menschen Programmdirektor. Ein Wesen, das seine Artgenossen zu Quotenzombies und Lagerludern erniedrigt, wenn sie nur dumm und arm genug sind, sich in seine kameraüberwachten Versuchsanordnungen zu begeben. Es hätte des RTL-II-Plakats mit der nackten Blondine und dem Millionär nicht mehr bedurft, um zu zeigen, was dieser Sender von Menschen, besonders weiblichen, hält. Warum also da nicht auch noch eine Knast-Show? Würde wohl auch niemanden mehr wundern. Am wenigsten Philip Zimbardo.

Der Psychologie-Professor hat Erfahrung mit der Frage, wie weit Menschen sich deformieren lassen. 1971 unternahm er einen Versuch, der in die Geschichte einging: das sogenannte Stanford-Experiment. Sein Recherche-Ziel: Was passiert mit guten Menschen in einer bösen Umgebung? Seine Kandidaten waren psychisch unauffällige Männer aus der Mittelschicht; ohne kriminelle Vergangenheit, ohne Drogenprobleme. Zwei Wochen lang sollten an der Stanford-Universität in Palo Alto / Kalifornien die Bedingungen einer Haftanstalt simuliert werden. Zimbardo unterteilte seine Kandidaten in Wärter und Gefangene. Sie sollten ein paar simple Regeln befolgen und anschließend das Honorar mitnehmen - immer im Wissen, dass es nur um einen Versuch ging.

Doch schon nach kurzer Zeit begannen die "Wärter", ihren Job ernst zu nehmen, sehr ernst. Sie verweigerten den "Gefangenen" elementare Dinge wie Kleidung, Körperpflege und die Benutzung sanitärer Anlagen. Ihre Opfer wurden depressiv und verhielten sich unterwürfig. Selbst Außenstehende - Eltern etwa, die ihre Söhne besuchten und ihren schlechten Zustand bemerkten - schritten nicht ein. Innerhalb weniger Tage war aus der Simulation ein Alptraum geworden, in dem die "Wärter" - und sogar der Versuchsleiter Zimbardo selbst - an ihren selbstgestellten "Auftrag" glaubten.

Schon in den sechziger Jahren hatte Stanley Milgram gezeigt, dass unbescholtene Bürger ihren Mitmenschen ohne Weiteres tödliche Stromstöße verabreichen, sofern eine Autorität dies von ihnen verlangt. Gehorsam und ähnliche Tugenden, mit denen man auch ein KZ betreiben kann, waren aber erst der Anfang von Zimbardos außer Kontrolle geratenem Szenario. Bei ihm kam noch Sadismus ins Spiel - und der Rausch der geliehenen Macht: Die als Wärter agierenden Versuchs-Personen hatten schnell vergessen, dass sie nur durch einen Los-Entscheid nicht zu Gefangenen gewordenen waren. Der dünne Firnis aus Moral und Bildung hielt kaum 24 Stunden. Am sechsten Tag drohte das Experiment zu eskalieren - und der Versuch wurde abgebrochen.

Nun hat der Regisseur Oliver Hirschbiegel - auf der Grundlage von Mario Giordanos Roman "Black Box", der wiederum auf Zimbardos Versuch beruhte - "Das Experiment" gedreht. Was sagen uns die Bilder, 30 Jahre danach? Sie sind ein Update auf die zeitlose Erkenntnis, dass auch im zivilisiertesten Wesen ein Barbar wohnt. Der mehrfache Grimme-Preisträger weiß, wie man den abgebrühten Zuschauer der Gegenwart bei der Stange hält. Folglich fällt in seinem ersten Kino-Werk auch die Katastrophe etwas saftiger aus. Doch genau deshalb ist sein Film mehr als nur Anschauungsmaterial für das Grundstudium der Psychologie. Es zeigt nicht nur, was Menschen anstellen würden - für 4000 Mark Honorar und den Klassiker unter den Vorwänden: Ruhe und Ordnung. Es lässt auch die Wissenschaftler nicht ungeschoren, die gerne glauben, sich auf eine neutrale Position - hier hinter der Kamera - zurückziehen zu können.

Anders als die "Stanford"-Originale werden die Versuchspersonen nicht unerwartet von der Polizei verhaftet. Sie begeben sich in die Uni Köln, wie zu einem kleinen Eingriff ins Krankenhaus. Moritz Bleibtreu spielt einen Undercover-Probanden: einen abgebrochenen Journalisten, der eine gute Story wittert. Giordano und Hirschbiegel haben ihm eine etwas irreale Love-Story verpasst - doch ohne den damit verbundenen Hoffnungs-Schimmer wäre die klaustrophobische Enge kaum zu ertragen. So dicht ist die Atmosphäre, so nah an der Haut sind die schauspielerischen Leistungen, dass man anfängt die Leute zu hassen. Justus von Dohnànyi etwa spielt, in der Rolle eines Wärters, überzeugend die Wandlung vom fremdbestimmten Weichei zum Alltags-Nazi. Und die anderen ziehen mit.

Stunden in der Dunkelheit

"Das Experiment" ist purer Horror, hervorgeholt aus den Abgründen, die jeder in sich trägt - und darum nachhaltiger als jeder digital animierte Menschenfresser. Sogar als literarisch oder filmisch aufbereitete Form, so erzählen die Beteiligten, hat "Das Experiment", seine Diabolik entfaltet: In strapaziösen Dreh-Schichten von täglich zwölf und mehr Stunden, dazu noch abgeschlossen von der Außenwelt, ersannen auch die Schauspieler-"Wärter" erniedrigende Prozeduren für ihre Opfer.

Zwei Stunden in der Dunkelheit: Sie zeigen, wie alle Beteiligten schon den Rahmen des Versuchs in kurzer Zeit für bare Münze nehmen. Keiner kommt auf die Idee zu sagen: Macht mal halblang, Leute, ist doch alles nur Kulisse. Hirschbiegel war nach eigener Darstellung nicht danach zumute, den Film auf der Berlinale zu zeigen. Sein Film mag nicht gerade in den eitlen Betrieb eines Festivals passen. Es fällt etwa schwer, sich danach eine Premieren-Party vorzustellen. Der Regisseur fürchtete wohl auch wie viele deutsche Filmer, das Festival täte seinem Werk nicht gut. Dabei hätte umgekehrt sein Film dem Festival gut getan. Ein Beitrag aus Deutschland, der es wagt, ein schweres Thema anzupacken - und sich nicht gleich in die billige Moralpredigt flüchtet.

Obwohl die Vorlage aus den USA stammt und der Film in Deutschland spielt, lässt sich der Verlauf des Experiments auf jedes andere entwickelte Land übertragen. Die Ideen für jene Fernseh-Shows, in denen Menschen wie Labor-Ratten konditioniert werden, stammen von einem Holländer, dessen Firma inzwischen zu einem spanischen Konzern gehört. Und der verfolgt selbstverständlich nur wirtschaftliche Interessen.

Es geht um Gewinn um jeden Preis. Im Großen wie im Kleinen. Auf diesen vulgär-darwinistischen Nenner, sagte Philip Zimbardo unlängst in einem Interview, kürzen die Experimente im Deppen-Fernsehen die menschliche Würde herunter. Anders formuliert: Sie erheben den gierigen Egoisten zum Vorbild. Der Mensch? Ein Koofmich. Die Welt? Ein dauernder Ballermann nach dem fünften Eimer. Die Realität: ein schlechtes Fernsehprogramm?

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