Kultur : Das Fest der Alten - Zum zweiten Mal in Wuppertal

Norbert Servos

Vor vielen Jahren schon träumte Pina Bausch davon, wie es wohl wäre, wenn sie und ihre Tänzer - inzwischen alt geworden - noch immer die gleichen Stücke spielten. Was würde sich ändern jenseits der 60? Nun hat die Prinzipalin des Wuppertaler Tanztheaters, die in diesem Jahr ihren sechzigsten Geburtstag feiert, in einer Art Zeitsprung vorgegriffen und ein Stück nur mit älteren Menschen besetzt: keine Tänzer, sondern schlicht Bürger ihrer Heimatstadt. Folgerichtig ist die Wiederaufnahme von "Kontakthof", uraufgeführt 1978, "Ein Fest mit Wuppertalern" überschrieben. Eine schöne und zugleich riskante Idee. Schön, weil Wuppertaler Bürger sich ein Stück ihrer weltberühmten Truppe aneignen und Pina Bauschs Theater am eigenen Leib erfahren. Riskant, weil solch ein Unternehmen immer in der Gefahr schwebt, auf dem Niveau eines gutgemeinten Laienspiels zu stranden.

Nicht weniger als ein Jahr haben Josephine Ann Endicott und Beatrice Libonati mit den 25 "Damen und Herren ab 65" geprobt. Herausgekommen ist dabei alles andere als ein sentimentaler Seniorenabend, sondern eine höchst professionelle Variation des Originals. Vom Bühnenbildner Rolf Borzik in einen altmodischen Tanzsaal verlegt, schwelgt das Stück in Erinnerung: an erste Liebe und die Aufforderung zum Tanz, an Hoffnung und Enttäuschung. Auch die nostalgischen Musiken von Juan Llosas, Nino Rota u. a. klingen, als stammten sie aus der Jugendzeit der betagten Akteure. Ein Kontakthof, nicht mit der rüden Atmosphäre eines Eros-Centers, sondern ein Ort normalerweise der vorsichtig förmlichen Annäherung.

Dabei hält sich Pina Bausch auch diesmal nicht mit dem Entlarven der Maskeraden auf. Vielmehr sucht sie den Gefühlen hinter den gesellschaftlichen Konventionen auf den Grund zu gehen. So fördert sie bei den Alten noch immer Spuren jugendlicher Unbekümmertheit zutage, auch bei der Liebessuche. Gleich zu Anfang treten die Akteure an die Rampe und führen ihre körperlichen Vorzüge vor: makelloses Gebiss, volles Haar, aufrechte Haltung. Doch relativieren sich bei den reiferen Jahrgängen die Begriffe äußerlicher Schönheit. Und die Umarmungsposen der Männer und Frauen sind nichts weiter als Gesten. Sie trösten noch keinen.

Die Aufforderung zum Tanz: Schnell bricht die Etikette, die Männer rücken auf einer Stuhlreihe heran, greifen durch die Luft nach den Frauen, die sich drehen und winden. Aus Enttäuschung über die missratene Annäherung wird mitunter auch mit harten Bandagen gekämpft. "Cheek, back, Knie, stomach, shoulder", kommandieren Männer- und Frauengruppe einander gegenseitig, und die benannten Körperteile zucken getroffen zurück. Der Leib wird zum Schlachtfeld der nicht eingelösten Hoffnungen und Sehnsüchte.

Immer wieder führt "Kontakthof" vor, wie dünn die Grenze zwischen Zärtlichkeit und Gewalt ist. Da steht eine Frau traurig und allein, und die Männer versuchen, sie mit allerhand Nettigkeiten aufzuheitern. Doch die massenhafte, sich beschleunigende Tröstung gerät zur Berührungsfolter. Zärtlichkeit schlägt in Zudringlichkeit um. Die Paare verkeilen sich ineinander und lösen sich, ernüchtert, irritiert. Kaum einer versteht, wie es zu solchen Entgleistungen hat kommen können. Nähe herzustellen, zeigt das Stück, ist ein heikler Balanceakt.

Manchmal hilft es schon, sich an die lustvolle Erfahrung des eigenen Körpers zu erinnern. Etwa in einem rollenden Hüfttänzchen, mit dem die ganze Truppe gegen die Rampe vorrückt. Spätestens hier zeigt sich, dass den Senioren der Elan nicht abgeht.

Der gelassene Ernst fortgeschrittener Lebenserfahrung bewährt sich nicht nur in dramatischen Aktionen, sondern vor allem in den leisen Passagen von "Kontakthof". Wenn Männer und Frauen, händchenhaltend und kichernd zur Maskenparade antreten, zeigt sich das Alter als Jungbrunnen. Unprätentiös, von aller übertriebenen Selbstdarstellungslust befreit, präsentieren die Senioren das Stück mit einem berührend schlichten Charme, und gemeinsam mit ihnen gelingt Pina Bausch ein Drahtseiltanz in beträchtlicher Höhe. Vitalität und Witz der gesetzten Herrschaften lässt so manchen Vertreter der Enkelgeneration alt aussehen.

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