Kultur : Das Frankfurter Kettensägenmassaker

DIRK FUHRIG

Tom Kühnel und Robert Schuster inszenieren ein filmreifes Gemetzel nach Shakespeare: "Titus Andronicus"VON DIRK FUHRIGDer Clown heißt Jesus Christus.Den Lendenschurz locker geschnürt, die Haare fallen fettig bis zur Brust, es trippelt das Männchen durch den Zuschauerraum auf die Bühne."Ich bringe frohe Botschaft", trällert die durchgeknallte Gestalt, doch schon antworten die Römer "Kreuziget ihn!" und tun selbiges ohne Verzug. Zu oft "Das Leben des Brian" geschaut? Woher sonst diese Messias-Parodie im Stil Monty Pythons an der Stelle, wo Shakespeare in "Titus Andronicus" eine harmlose Clowns-Figur auftreten läßt? Überhaupt haben sich die beiden Regisseure dieses actionreichen Theaterabends von der Ästhetik des Films und des Fernsehens ganz ordentlich inspirieren lassen.Und nicht nur von deren humoristischen Aspekten.Das Blut, das hier fließt, ist längst nicht mehr nur der ganz besondere Saft Theaterblut, sondern reinster Gruselglibber; die Martern aller Arten entstammen dem Fundus des Leiber zerstückelnden Horrorfilm-Genres, wo die Nacht der lebenden Leichen gefeiert wird: Der gute alte Dolch hat ausgedient, es sind Kettensägen und elektrische Brotmesser, die sich in irgendwelche Körperöffnungen hineinfressen. So weit, so ziemlich lustvoll persiflierend, so lustig.Shakespeare hätte es möglicherweise gefallen, zumindest seinem elisabethanisch rüpelhaften Straßenpublikum, das nach prallen Effekten und wilden Schlächterorgien verlangte.Und schließlich ist "Titus Andronicus" eine Rachetragödie, wie sie im Buche steht; voller Mordgier und Heimtücke, voller Verrat und hybrider Machtphantasien. Robert Schuster und Tom Kühnel, bisher her durch harmlos-herzige Puppentheater-Spaßigkeiten aufgefallen, haben mit dieser Shakespeare-Inszenierung ganz offensichtlich ihre Tauglichkeit fürs neudeutsche Splatter-Theater beweisen wollen - und sich gegen das Ende hin leider in einem haltlosen Übersteigerungswahn verloren.Die beiden, jeweils noch keine 30 Jahre alt, von Berlin zur Zeit als feste Hausregisseure ins theaterdarbende Frankfurt am Main abgewandert, sollen in Zukunft die Leitung der Berliner Schaubühne übernehmen.Zusammen mit dem Regisseur Thomas Ostermeier und der Choreographin Sasha Waltz werden sie von 2000 an die Führungscrew des Theaterheiligtums bilden.Die Verhandlungen über die Verträge wurden in der vergangenen Woche jedoch ausgesetzt.Die Regisseure wollten sich auf "Titus" konzentrieren - danach werde man weitersehen. In der Tat: Diese Inszenierung wirkt wie ein Testlauf für die große Aufgabe, die den beiden Shooting-Stars für den Lehniner Platz zugedacht ist.Seit ihrer Ankunft am Schauspiel Frankfurt haben sie das dröge vor sich hindämmernde Haus nach und nach aufgemischt.Frisch von der Berliner Ernst-Busch-Schule an den Main engagiert, demonstrierten sie dort erst einmal ihre bewährte Kunst: das Puppentheater.Reizende Inszenierungen wie "Alice im Wunderland" und "Peer Gynt" entstanden damit. Die Puppenspielereien haben mit "Titus Andronicus" nur scheinbar ein Ende.Im Gegenteil: Die Figuren, die hier auf der Bühne stehen, sind künstlicher noch als die lebloseste Marionette.Und nicht nur der Jesus-Verschnitt, der wie ein Aufziehmännchen hoppelt.Nicht nur Kaiser Saturninus, der an den Ränke-Fäden seiner Goten-Gattin zappelt.Nicht nur sie selbst, die auf ihren 70er-Plateauschuhen stöckelt.Und nicht nur ihre schändlichen Buben, die als Klischee gewordene Ballermann-Trainingshose herumtölpeln. Beim besten Willen ist nicht mehr zu erkennen, daß da einer einen Willen hat.Kühnel / Schuster behandeln ihre Figuren wie Pappkameraden, die mechanisch einen - übrigens ganz gehörig modernisierten und trivialisierten - Text abspulen, ohne damit irgendeinen Sinn zu verknüpfen. Grenzgenial lapidar die Anfangsszene: Wie auf einer dieser gähnend langweiligen, ritualisierten Schuljahresabschlußfeiern tritt Titus Andronicus ans Mikrofon, das von zwei mickrigen Zierbäumchen gerahmt wird.Öde wird es werden.Über das Allgemeine und das Besondere in der Welt wird er uns belehren, der Oberstudienrat.Vielleicht - nein: ganz gewiß - mit ein paar lateinischen Zitaten garniert.Ein würdiges Schauspiel erwartet uns.Eine Tragödie, so bekannt und tausendfach abgenudelt, daß nicht einmal die Kollegen von der Altphilologie mehr als ein müdes Lächeln aufbringen werden. Erbärmlich das Ende: Titus schiebt einen Würstchengrill herein; auf dem Kopf eine weiße Haube, vor dem Bauch eine Schürze.Der Feldherr hat seine Schuldigkeit getan, jetzt geht er kochen.

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