Kultur : Das fremde Auge

Michael Nungesser

Parallel zur Berliner Ausstellung "Deutsche am Amazonas - Forscher oder Abenteurer? Expeditionen in Brasilien 1800-1914" im Ethnologischen Museum zeigt das Brasilianische Kulturinstitut, sonst eher der Gegenwart zugewandt, deutsche Fotografen des 19. Jahrhunderts in Brasilien. Als Brasilien vor zwei Jahren seiner 500-jährigen Geschichte gedachte, legte Pedro Karp Vasquez eine opulente zweisprachige Studie vor, die den deutschen Beitrag zur brasilianischen Fotografie im Jahrhundert ihrer Erfindung untersucht. Schon 1840 war die Daguerreotypie in Rio de Janeiro eingeführt und zugleich zu den offiziellen Kunstsalons zugelassen worden. Kaiser Dom Pedro II fotografierte selbst und unterstützte das neue Medium. So nimmt es nicht wunder, wenn den von der Exotik des Landes und seinen Menschen angezogenen Künstlern und Naturforschern bald auch zahlreiche Lichtbildner aus Deutschland folgten. Mehrere von ihnen erlangten den Titel "Kaiserlicher Hofphotograph"..

Die dreizehn Fotografen der Ausstellung lebten vor allem von Porträts. Eine Vermarktung anderer Themen war schwierig. Aufnahmen in Stadt und Land verursachten großen Strapazen und verlangten hohes technisches Vermögen, andererseits gab es nur wenige Verlagspublikationen. Eine Ausnahme bildete die Dokumentation der Einweihung der ersten Schotterstraße zwischen Petrópolis und Juiz de Fora von Revert Henrique Klumb, die er in dem Buch "Zwölf Stunden in der Postkutsche" veröffentlichte. Auch der Bau der zweiten Eisenbahnlinie im Land, der "Recife and São Francisco Railway", wurde von Augusto Stahl als Auftragsarbeit durchgeführt. Die ausgestellten Werke zeigen in ihrer Mehrzahl, dass die deutschen Fotografen vor allem am Aufbau der Nation und der üppigen Natur interessiert waren. Nur Alberto Henschel, der Studios in Recife, Salvador, Rio und São Paulo betrieb, ist mit mehreren Bildnissen vertreten, die aber eine sehr persönliche Sicht aufweisen. "Obstverkäuferin in der Stadt Rio de Janeiro", der Junge sowie das Mulatten-Mädchen aus Salvador entbehren des Voyeurismus. Henschel verdanken wir auch die selten festgehaltene Szene, wie Sklaven (die um die Mitte des 19. Jahrhunderts rund ein Drittel der Bevölkerung bildeten) einen Mann in einer Sänfte transportieren.

Auch andere Bilder erweisen sich heute als wichtige Dokumente für die Geschichte des Landes, so etwa die Aufnahmen der entstehenden deutschen Kolonie Dona Francisca in der Provinz Santa Catarina von Johann Otto Louis Niemeyer. Mehrere Fotografen treten vor allem mit Stadtansichten hervor, etwa Guilherme Liebenau mit der Hauptstadt von Minas Gerais, Ouro Preto, oder Maurício Lamberg, der als Marinefotograf galt, mit Recife - Kapitale von Pernambuco. Besonders beliebt war die Stadt Petrópolis im Bundesstaat Rio de Janeiro, die Sommerfrische des Kaiserhauses, die von Pedro Hees abgelichtet wurde. Seinem Sohn Oto war es vorbehalten, das letzte Porträt von Dom Pedro II zu erstellen, bevor dieser 1889 nach Ausrufung der Republik verbannt wurde.

Die Mehrzahl der Originalaufnahmen, die in exzellenten neuen Kopien gezeigt werden, stammt aus der Nationalbibliothek in Rio de Janeiro, vieles aber auch aus dem Reiss-Museum in Mannheim, das über eine große Fotosammlung verfügt. Die vom Goethe Institut der Stadt São Paulo angeregte und durchgeführte Ausstellung soll noch in weiteren deutschen Städten gezeigt werden.

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