Kultur : Das gewisse Etwas

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ALL THAT JAZZ

Christian Broecking über

eine Sache, die man im Blut haben muss

Das JazzFest 2003 kündigt diesmal ganz offiziell einen Abgesang auf den afroamerikanischen Jazz an. Jazz has moved to Europe lautet die vage These des neuen Leiters Peter Schulze, und das Programm riecht förmlich nach Grauzone. Bis auf ganz wenige Ausnahmen wie David „Fathead“ Newman und Hank Crawford gibt es in diesem Jahr vor allem: No Swing. Nenn es Imaginäre Folklore, Improvisierte Musik oder sonst wie, aber bitte nicht Jazz, würde der afroamerikanische Publizist Stanley Crouch zu dem sagen, was sich in diesem Jazzherbst hier abspielen soll. Dabei stehen neben französichen, englischen und deutschen Musikern, auch japanische und amerikanische Bands auf dem Programm, darunter Tin Hat Trio, Matthew Shipp und Louis Sclavis. Doch die Ingredienzen der Old School – Blues und Swing – sie fehlen. Das JazzFest Berlin wird vom 5. bis 9. November im Haus der Festspiele, Quasimodo und neuerdings auch im Konzertsaal der UdK und im Tränenpalast stattfinden.

Vor 40 Jahren, am 28. August, hielt Martin Luther King Jr. eine der bedeutendsten Reden des 20. Jahrhunderts: I have a dream. Ein Jahr später, in einer Grußadresse zur Eröffnung der ersten, damals von JoachimErnst Berendt geleiteten, Berliner Jazztage sprach er von der Bedeutung des Jazz für die Selbstfindung des modernen Menschen. Jazz gab der afroamerikanischen Freiheitsbewegung Kraft, Jazz wurde zum Symbol und Sound komplexer großstädtischer Lebenswelten. Bei dem Berliner Festivaldebüt traten auch auf: Albert Mangelsdorff und Roland Kirk, der sich später Rahsaan taufte. Mangelsdorff, der am 5. September 75 wird, ist auch in diesem Jahr wieder eingeladen.

Sehr passend zur diesjährigen JazzFest-These ist die gerade erschienene CD von Bugge Wesseltoft „New Conception of Jazz Live“ (Jazzland). Schwer und schwebend, so wie man es von der ach so hippen norwegischen Szene nun schon seit Jahren kennt, schleppt Wesseltoft die Sounds durch die Zeit. Zusammen mit der Sängerin Sidsel Endresen hat er zwar mit „Out Here. In There“ eine der schönsten CDs des vergangenen Jahres gemacht. Als Partner. Doch hier drängt sich nun eine andere Seite des Soundmixers und Keyboarders in den Vordergrund. In der Rolle des Solisten bringt Wesseltoft vor allem einfach strukturierte und zeitraubende Impressionen; Statements über unlängst noch hoch gepriesene Experimente und was davon blieb. Auch ein Track mit John Scofield hilft da nicht wirklich weiter. Dass Stuart Nicholson den Norweger in der „New York Times“ über die Mattheit des US-amerikanischen Jazz reden ließ, hat ihn zumindest nicht weiter gebracht. Dass Wesseltoft die Berliner Electronic-Szene als hippen Ideengeber lobt, reicht auf Dauer auch nicht. Das neue Jazz-Konzept des Bugge Wesseltoft ist nach wenigen Platten zu einem Remake weniger vertrauter Codes geronnen. Noch bevor der Jazz das Konzept sprengen konnte, blieb die Diskursfähigkeit auf der Strecke. Wie es tatsächlich um die Berliner Electronic-Jazz-Szene bestellt ist, ließe sich schnell in Erfahrung bringen. Schließlich sind wir hier ja vor Ort. Zum Beispiel am Mittwoch bei JOON.FK im Abgedreht in der Karl-Marx- Allee 140 (um 20 Uhr 30).

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