Kultur : Das Glas im Zustand seiner organischen Erstarrung

KATRIN BETTINA MÜLLER

Der Fuß, der Schaft, die Lippe, die Mündung: Wer das erste Mal über die Kunst der Gefäße liest, staunt über die sprachlichen Analogien zum menschlichen Körper. Gläser, Schalen, Vasen, so begreift man plötzlich, sind unterschwellig eine erotische Angelegenheit. Für die Kunsthistorikerin Christine Splinter ist diese Terminologie aber vor allem hilfreich, um die Formen unterscheiden und beschreiben zu können. Jahrelang hat sie in einem Auktionshaus die Kataloge für Glas bearbeitet, bevor sie 1997 ihre eigene Galerie in der Sophienstraße eröffnete. Im rot erleuchteten Durchgang der Gipshöfe geht es hinab in ihre Sammlung.Vier Jahrhunderte zurück verfolgt Christine Splinter die Geschichte von Flaschen, Pokalen und Vasen. Sammlerstücke aus der Biedermeierzeit, dem Historismus und des Jugenstils werden ergänzt von exemplarischen Stücken aus Glashütten der DDR und des Rheinlands. Vor diesem historischen Exkurs stellt die Galeristin dreimal im Jahr einen zeitgenössischen Glaskünstler vor, was bewirkt, daß sich allmählich immer mehr Bezüge zwischen den alten Techniken und ihrer Neuinterpretation zeigen.An abstrakte Zeichnungen und Schraffuren erinnern die Netze aus farbigem Glasstäbchen, die Gabriele Küstner in Platten aus farblosem Glas einschmilzt. Die Glasmosaiktechnik, die schon in der römischen Antike benutzt wurde, erlaubt mit feinen Linien und dicken Streifen aus farbigem Glas zu "malen". Das zweidimensionale Bild wird dann in die Form gebracht, zu Tellern und Schalen "abgesenkt". Umgekehrt geht Freia Schulze vor, die mundgeblasene Gläser mit Emailfarben überzieht. Ihre Motive - Früchte oder Blätter - fixiert sie mit Schablonen und nimmt dann mit feinem Sandstrahl die übrige Farbe weg, so daß nur die Darstellung selbst glänzend und erhaben im matten Grund steht.Dem jungen Australier Jonathan Baskett gilt die aktuelle Ausstellung. Seine Becher (für 98 Mark), Schüsseln (690 Mark), Platten und zylindrischen Tulpenvasen leuchten in allen Farben des Regenbogens. Zwei Schichten von farblosem und farbigem Glas, von denen die eine die andere umfängt, steigern die Intensität der Rot-, Orange- und Grüntöne und geben ihnen Tiefe. Ein Glasfaden an der Mündung verleiht den Bechern eine feine Kontur. Die Emailornamente auf der Oberfläche verweisen mit Sonnenzeichen, Schlangenlinien und gezackten Bändern auf die abstrakten Codes in der Kunst der australischen Aborigines. In den "Chaos-Plates" läßt er kontrastreiche Farben und unterschiedliche Muster hart aufeinanderstoßen. Im Rund der Teller ist ihre divergierende Energie gefesselt und gebunden.Nur selten verlassen die Glaskünstler, mit denen Christine Splinter arbeitet, die Formvarianten der Gefäße, um zur Skulptur überzugehen. Von Jörg F. Zimmermann, der an der Staatlichen Akademie Stuttgart den Lehrstuhl für Glasgestaltung innehat, liegen große, gerundete Objekte aus, in die man wie in Quallen hineinblickt: Ins Innere schrauben sich komplizierte Gänge und verwickelte Strukturen von farbigen Geweben. Das Glas ahmt dort in seiner Erstarrung organische Prozesse nach. Andere Skulpturen, wie die figurativen Stelen von Hartmann Greb, sind aus Glaspasten geschmolzen, die in Negativmodeln geformt werden.So gleicht der Besuch der Galerie Splinter zugleich einer Einweisung in die vielen Möglichkeiten des spröden Materials. In der Kunst ist es trotzdem selten geworden: Die Schwierigkeiten der Technik und das kunstgewerbliche Image schränken die Experimentierfreude ein. Glaskünstler, weiß Christine Splinter, verschreiben meist ihr ganzes Leben dem Glas und bleiben unter sich.

Galerie Splinter, Sophienstraße 20/21, Dienstag bis Freitag 14 - 19 Uhr, Sonnabend 11 - 18 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar