Kultur : Das Glück dieser Erde

Draußen sein ist alles: Kevin Costners exemplarischer Western „Open Range“

Daniela Sannwald

Nein, das ist nicht Marlboro Country: die Wiesen wie Sümpfe, der Himmel bleigrau, der Regen eine Sintflut, die Plane ein lächerlicher Notbehelf angesichts der Wassermassen, die vom Himmel stürzen. Darunter haben die vier Männer, die sich um das kleine Feuer scharen, kaum Platz; und ein Hund ist auch noch da.

Doch, das ist Marlboro Country: Weite, grüne Weidelandschaft erstreckt sich in sanften Hügeln bis zum Horizont, weiße Wölkchen ziehen vorüber, Rinderherden grasen in aller Ruhe, während die Cowboys Tabak kauen, lakonisch reden und mit zusammengekniffenen Augen in die Ferne starren. Aber da ist nichts als Natur, und ihr Anblick lässt alle Mühsal des Outdoor-Lebens vergessen.

Kevin Costner hat diesmal, anders als bei „Der mit dem Wolf tanzt“, einen nahezu mustergültigen Western gedreht. Er führt die Reize des Cowboy-Berufs vor Augen, ohne ihn zu glorifizieren, aber auch ohne das Genre zu dekonstruieren wie Clint Eastwood mit „Erbarmungslos“. Stattdessen setzt sich Costner mit Generationsproblemen, auch mit der Liebe zwischen nicht mehr jungen Menschen auseinander, mit Bindungsängsten, mit sozialer und ökonomischer Abhängigkeit und sogar mit der Veränderung von Berufsbildern durch den wachsenden Einfluss des Großkapitals. Ziemlich viel für einen klassischen Western, in dem wenig geredet, viel geritten und viel geschossen wird.

Das Reiten und Schießen besorgen vor allem Kevin Costner als Cowboy Charley und der großartig gealterte Robert Duvall als der Boss. Die beiden haben noch zwei Jüngere dabei, den dicken Mose und den Mexikaner Button. Zu viert streifen sie mit ihrer Herde als „Freegrazers“ durchs Land, anno 1882. Die Veteranen lehren die Jungen das Hand- und Fußwerk, sie haben sich an die Einsamkeit und die Freiheit gewöhnt, deren Preis beim Anblick eines Teegeschirrs aus Porzellan allerdings mitunter als hoch erscheint.

Als Mose beim Einkaufen in der Stadt zusammengeschlagen und eingesperrt wird, befreien Boss und Charley ihn – aber nur, um bei ihrer Rückkehr zum Camp festzustellen, dass der noch sehr junge Button schwer verletzt und der Hund getötet ist. Als Retter und Rächer des Buben kehren sie in die Stadt zurück und erhalten unerwartete Hilfe: Die Schwester des Doktors (warm und würdevoll: Annette Bening) nimmt sich resolut des Kranken an – und auch der Gesunden, schließlich brauchen die beiden wettergegerbten Männer Zuspruch, bevor sie in den Kampf ziehen. Auch dass Charley die Augen nicht von ihr wenden mag, bemerkt sie. Und bringt ihn sogar zum Reden.

Manchmal, wenn der nächtliche Himmel von Blitzen durchzuckt wird und die Männer auf ihren Pferden in langen Wettermänteln über einen Hügelkamm galoppieren, sehen sie aus wie apokalyptische Reiter – und da mögen sogar die Pferde verstehen, dass es hier nicht um Rache geht, sondern um Gerechtigkeit, wie der alte Boss immer wieder betont. Aber dieser Film ist nicht mystisch, sondern mythisch – und realistisch: Blut und Dreck und Schweiß und ein Stück Schokolade als höchster Genuss sind seine Beigaben, und dann gibt es auch noch eine schüchterne, rührende Liebesgeschichte zwischen zwei vom Leben gezeichneten Leuten, die eigentlich beide ganz glücklich allein sind.

Am Ende humpelt Charley, angeschossen, womöglich durch die vielen Übernachtungen im Freien auch ein wenig rheumatisch, und letzteres bedeutet im klassischen Hollywood-Genrefilm Impotenz. Die Schwester des Doktors läuft ihm nach, holt ihn ein. Er wird nie, das weiß sie, auf ihrem Sofa sitzen und aus chinesischem Porzellan Tee trinken. Aber vielleicht dann und wann bei der Gartenarbeit helfen. Was ist schon Sex?

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