Kultur : Das Gold der toten Stadt

Sensationelle Entdeckung in Kabul: Der legendäre Schatz des antiken Baktrien, in den Wirren des afghanischen Bürgerkriegs verschwunden, ist wieder aufgetaucht. Er wurde nicht von den Taliban zerstört, sondern im Keller des Präsidentenpalastes versteckt

Elke Windisch

Wassertropfen perlen aus den Falten ihres Hüfttuchs. Ihr Haar ist so blond wie der Weizen, den die eine Hand streut, während sie die andere auf die Hüfte stützt. Sie posiert wie die Venus von Milo, mit schweren, steilen Brüsten: ein Traum von einer Frau – eine Männerfantasie: Das ist Anahita, die Fruchtbarkeitsgöttin.

„Wasser. Und meine Tabletten bitte, da im Regal“, sagt Viktor Sarianidi tonlos, als er von der Reporterin erfährt, was die Agenturen am vergangenen Freitag meldeten, aber vom russischen Fernsehen verschwiegen wurde: Der baktrische Goldschatz, darunter auch die Statue Anahitas, sei unversehrt, verkündete Interimspräsident Hamid Karsai nach einem Gang in die Verliese des zerbombten Präsidentenpalais’ in Kabul. Eine Nachricht, die Sarianidis krankem Herzen gefährlich zusetzt, so unglaublich ist sie. Denn der griechischrussische Archäologe hatte kaum noch zu hoffen gewagt, dass die goldene Göttin je wieder auftauchen würde. Bestimmt, glaubt er, sei sie längst an einen Privatsammler verscherbelt oder von den Taliban eingeschmolzen und gegen Waffen eingetauscht worden.

Die schöne Anahita gehört zu den kostbarsten Stücken des baktrischen Goldes: Rund 20000 Einzelteile zählt der Schatz, manche über ein Kilo schwer, mit Halbedelsteinen verziert und aus purem Gelbgold gegossen. Dieser Schatz von Tillya-Tepe – so der Name des Fundorts, eines nordafghanischen Hügels bei Schiberghan – wurde unter Leitung von Viktor Sarianidi im Winter 1978von einer sowjetischen Expedition ausgegraben. Hier in Baktrien, das dem heutigen Südusbekistan und Nordafghanistan entspricht, wurde Anahita verehrt. Ihre Heimstatt war der Fluss Amu-Darja, seit der Antike Lebensader für das „Land der tausend Städte“, jenen Streifen fruchtbaren Bodens mitten in den Wüsten Zentralasiens.

„Erotischer Sprengstoff war das“, erinnert sich Viktor Sarianidi an den Sensationsfund von damals: „Vier Monate haben wir im Wüstensand gebuddelt, weit und breit keine Frau, und dann fanden wir sie.“ Behutsam fahren die Fingerspitzen seiner schweren, von Sonne und Sandsturm gegerbten Hand über die goldene Statue auf dem Hochglanzfoto. Mit Anahita verbinde ihn trotz seiner 75 Jahre ein „zutiefst erotisches Verhältnis“. Und eine Hassliebe. Denn Anahita steht nicht nur für den größten Triumph seines Lebens, sondern auch für seine bitterste Niederlage.

Denn 14 Jahre nach dem Fund war der Schatz in den Wirren des Bürgerkriegs spurlos verschwunden. Öffentlich ausgestellt hatte man ihn ohnehin nie: Ein paar westliche Diplomaten waren im April 1992 die Letzten, die die Preziosen sahen. Als die Taliban im März 2001 die Buddhas von Bamian zerstörten, forschte ein ZDF-Team nach den Kostbarkeiten – vergeblich. Weil die Archäologen vor 20 Jahren Abdrücke gemacht hatten, konnten wenigstens 200 der schönsten Artefakte originalgetreu rekonstruiert werden. Sarianidi hätte eine Anahita-Kopie haben können, doch: „Wozu in alten Wunden stochern.“ Im hintersten Winkel seiner Seele flackerte wohl trotzdem die irre Hoffnung, der Schatz könnte noch existieren.

Und nun soll Anahita tatsächlich wieder da sein, gefunden im Keller des Präsidentenpalais’. Museumsbeamte hatten den Goldschatz dort kurz vor dem Einmarsch der Taliban versteckt und den Code für das Schloss der schweren Stahltore selbst nach bestialischen Schlägen nicht preisgegeben. Dass Karsai das Geheimnis jetzt lüften ließ, solle wohl die Rückkehr zu jener Normalität vortäuschen, von der Afghanistan noch Lichtjahre entfernt sei, sagt Sarianidi, als sein Puls wieder ruhiger schlägt. Dann will er Details wissen. Karsai, hieß es, habe eine der Kisten geöffnet und bestätigt, dass deren Inhalt mit den Inventarlisten des Museums übereinstimme. „Nur eine? Sind die anderen weg? Welche ist übrig geblieben?“ Insgesamt sechs Kisten hatte er am 12. Februar 1979 im weltberühmten Nationalmuseum im Kabuler Villenvorort Dar-u-Aman abgeliefert. Sechs Kisten für sechs Gräber. Heute ist die Gegend ein einziger Schutthaufen.

Tillya-Tepe bedeutet Goldhügel, Totenstadt längst vermoderter Könige. Die Flussgöttin Anahita sollte die junge Fürstin aus Grab eins auf die Reise ins Jenseits begleiten. Andere Grabbeigaben waren jede Menge Schmuck, Schminkdöschen aus indischem Elfenbein und ein Spiegel aus poliertem Silber aus China. Im Grab nebenan kommen Prunkdolche, Trinkgefäße und Schließen ans Tageslicht. Stoffreste zerfallen zu Staub, das Gold aber erzählt schon nach flüchtiger Reinigung Geschichten aus den Götterwelten zwischen Hellas und Hindukusch.

Grab vier birgt realistische Tierdarstellungen: Panther und Leoparden, die Antilopen zerfleischen, typisch für die Kunst nordasiatischer Nomadenvölker. „All das verschwand Ende des 20. Jahrhunderts. Vor den Augen der zivilisierten Welt, die tatenlos zusah.“ Sarianidis weißer Schnurrbart bebt, die Augen funkeln vor Empörung. Im Kalten Krieg sei es opportun gewesen, Entdeckungen der Sowjets niedrig zu hängen, glaubt er. Nur die Fachwelt war sich sofort einig: Der Schatz von Tillya-Tepe ist so bedeutend wie das Gold Tut-ench-Amuns und die Terrakotta-Armee der chinesischen Kaiser. Ungeschickt versuchte Afghanistans Zentralbankchef Anvar ul Haq Ahadi am Freitag, den rein nominellen Wert des Goldes zu beziffern, und kam auf 20 Millionen Dollar. Der tatsächliche Wert der Preziosen dürfte die Fantasien selbst ausgebuffter Versicherungsexperten überfordern.

Sarianidi zitterten die Hände, als er vor 25 Jahren die Münze mit den Bildnissen von Partherkönig Phraates und dem römischen Kaiser Tiberius fand. Sie ermöglichte die Datierung des Schatzes: auf die Jahre kurz vor und nach der Zeitenwende um das Jahr Null, als in Nordafghanistan jene Dynastie die Macht übernimmt, die den Multikulti-Mischmasch von Tillya-tepe hervorbrachte: die Kuschan. Baktrische Goldschmiede griffen bereits griechische Motive auf, als Alexander der Große die Gegend um 330 v. Chr. erobert. Doch schon 150 Jahre später wankt der gräkobaktrische Staat der Seleukiden. Zuerst kommen die Saken, dann die Yue-zhi, ein Reitervolk aus Nordwestchina, das die Hunnen vor sich hertreiben. Einer von sieben Stämmen reißt die Oberherrschaft an sich – die Kuschan.

Schnell finden sie Gefallen an der Hochkultur der Unterworfenen und bereichern sie um Tierdarstellungen und eigene religiöse Vorstellungen. Ihr Großreich, aufgeblüht durch die Kontrolle über den Seidenstraßenhandel, wird jedoch um 250 n. Chr. von den iranischen Sassaniden-Schahs zerstört. Nur die Totenstadt im Goldhügel bleibt erhalten: In der Nacht nach dem Prunkbegräbnis werden die Toten in schlichte Holzsärge umgebettet, an einem neuen Ort verscharrt und die Leichenträger erstochen. Angst vor Raub, wie sie die Kuschan-Herscher umtrieb, sei auch jetzt, nach Karsais Offenbarung angebracht, sagt Sarianidi. Vergeblich bestürmte er schon in den Achtzigern die Unesco und die großen Museen des Westens, das Gold bis zum Ende des Bürgerkriegs in Afghanistan auf der Grundlage eines Staatsvertrages zu verwalten und auszustellen.

Ein Appell, den er jetzt in modifizierter Form erneuert: Die Unesco müsse sich bei der afghanischen Regierung dafür verwenden, dass die Kollektion unter ihrer Schirmherrschaft in einem Land ihrer Wahl von einem internationalen Expertenteam restauriert und ausgestellt wird. Die Eintrittsgelder sollten für den Wiederaufbau des Nationalmuseums in Kabul verwendet werden. „Im Namen Anahitas“, sagt Sarianidi und hebt beschwörend die Hände. Aus Griechenland, seiner historischen Heimat, liegt bereits ein inoffizielles Angebot vor.

Von Elke Windisch ist 2001 bei Hoffmann& Campe das Buch über das Gold Baktriens, „Jäger verlorener Schätze“, erschienen.

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