Kultur : Das große Blubb

Gregor Dotzauer

Der Satz des Abends kam von Tim Staffel und lautete: "Wir als junge Künstler sind die Zukunft dieses Landes." Er hätte auch von Klaus Wowereit, dem Gastgeber der ersten literarischen Soirée im Roten Rathaus, stammen können. Aber der hatte mit anderen Geistesblitzen schon so viel zu tun, dass er aus dem Munde des mit Trainingsjacke und fast kahl rasiertem Schädel ausgestatteten "Terrordrom"-Autors ohnehin putziger klang. Wowereit also sprach vom Prinzip Neugier, das diese Begegnung von Politik und Kultur prägen möge, von Anregungen für das denkferne Alltagsgeschäft und von Prozessen, die in Gang kommen sollen. Und steigerte sich, ganz Künstler und Zukunft des Landes, von Sekunde zu Sekunde.

Als erstes begrüßte er den Schriftsteller Joachim Helfer. Leider war Helfer nicht gekommen, was Wowereits Spickzettel nur nicht mehr rechtzeitig erreicht hatte. Als zweites begrüßte er Michael Kleeberg, wobei er so zielsicher ans falsche Ende des Podiums hinredete, dass jedem sofort klar war: Er hatte nicht die geringste Ahnung, wo auf der Bühne dieser verdammte Kleeberg saß. Auch bei den anderen Gästen, bei Norbert Kron und Leander Scholz, irrte sein Blick so haltlos umher, dass Sabine Christiansen ihn bei nächster Gelegenheit einmal beiseite nehmen und mit den Grundkompetenzen eines Moderators vertraut machen sollte. Allein bei Antje Rávic Strubel, der einzigen Frau, wusste er per Ausschlussverfahren, wohin er sehen sollte. Später, nachdem Wowereit alles gegeben hatte, sagte er nichts mehr. Tapfer saß er die anderthalb Stunden bis zum bitteren Ende durch und dachte sich vielleicht, dass man im nächsten Haushalt getrost die Schließung aller Berliner Literaturhäuser verfügen sollte, wenn bei solchen Mikro-und-Wasserglas-Diskussionen nicht mehr herauskommt. Selbst als das Publikum zum Saalmikrofon gebeten wurde, fiel ihm keine Anstandsfrage ein. Ein einsamer Querulant hatte das Podium als Versammlung hilfloser Redner niederkartätscht und den Weg freigemacht zu den rettenden Laugenbrezeln im Foyer.

Ein Thema hatte der Abend auch, nämlich "Deutschland - auf der Suche nach der Mitte", doch nur irgendwie. Es fielen Wörter wie Identität, Selbstdifferenz, Hauptstadt, leere Mitte und Föderalismus: Material für das große allgemeine Blubb, in dem die Diskussion nach kurzen Lesungen schon nach den ersten Minuten versank - und nur in Michael Kleeberg einen pointiert formulierenden Protagonisten hatte. Wenn das der Beweis dafür gewesen sein soll, dass junge deutsche Schriftsteller sich massenhaft ihr Land als Thema vornehmen, eine These, die sich mit einem anderen Podium leicht widerlegen ließe, dann sollte man sie erst einmal in der Kunst der Wahrnehmung trainieren und auf einer einsamen Insel das Leben von Vogelspinnen oder die Blattstruktur von Eukalyptusbäumen beschreiben lassen.

Was der Kanzler kann, das kann der Regierende schon lang, wird sich Klaus Wowereit gedacht haben, als er zusammen mit André Schmitz, dem Chef der Senatskanzlei, und der Literaturagentin Karin Graf das Projekt ausbrütete. Doch nicht nur, dass einem dabei der Unterschied zwischen der Bundesliga in der Sky-Lobby des Kanzleramts und der Regionalklasse schnell ins Auge fällt: Wenn einem das Desinteresse an dem, was da - unabhängig vom Ergebnis - verhandelt wird, so aus den Ohren quillt wie Wowereit, sind alle Versuche, Intellektuelle an den Ratstisch der Macht zu bitten, ein Hohn - und eine Beleidigung für die Gäste.

Drei Chancen im Monatsabstand hat die "Literatur im Roten Rathaus" noch. Beim nächsten Mal, am 24. April, suchen Gustav Seibt und Stephan Speicher nach Parallelen zwischen dem Rom nach der italienischen Staatsgründung 1870 und dem Nachwende-Berlin. Motto: "Eine Mauer fällt, und eine Regierung zieht um". Man wird schon deshalb hingehen müssen, um zu sehen, ob Wowereit dann noch mit von der Partie ist.

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