Kultur : Das große Erwachen

Plötzlich sind alle wieder kritisch: kriegskritisch, Bush-kritisch, Saddam-kritisch. Aber der Terror wird nicht mit Selbstgerechtigkeit besiegt

Moritz Rinke

In den Wochen nach den Anschlägen des 11.9.2001 gab es eine Flut der offiziösen Betroffenheit. Wer wirklich Eigenes empfinden wollte, konnte nur noch als Einsiedler im Funkloch leben. Nun gibt es seit Wochen das Gegenteil von Betroffenheitshype und Emotionalhysterie. Stattdessen: Pragmatismus, Pragmatismus, Kommentare, Kommentare der allerletzten Detailwendung. Resolutionen, Entwürfe, Ultimaten, immer entscheidende Sitzungen (wie zum Beispiel heute), der hundertste, immer entscheidende Blix-Bericht; und zwischendurch fragt man sich: Warum streiten über 150 oder 180 Kilometer Reichweite von Raketen oder eine vergessene Drohne? Und wo steht morgen wohl Blair?

Ja, Tony Blair bringt das entnervende Geschiebe bei MTV super unfreiwillig auf den Punkt: „Wenn es ein Veto eines der Vetomächte gibt oder ein Veto von Ländern, bei denen ich davon ausgehe, dass sie ihr Veto unvernünftig einsetzen, dann würde ich es trotz Veto tun.“ Alles klar. Dazu täglich tausendmal, wer warum dagegen ist und wer wieso dafür und wer wem eine öffentliche Antwort schreibt, weshalb er im Gegensatz zu dem oder jenem dafür oder dagegen ist. Oder wir lesen, dass man noch „mehr Zeit“ haben will, damit wir noch mehr lesen können, noch eine Bush-Kritik und noch eine, von Leuten, die so tun, als hätten sie natürlich schon immer gewusst, was der Bush für ein schlimmer Finger ist.

Wie viele Tote?

Fangen wir doch noch mal von vorne an, im Terror-September, in dem wir jedes kritische Nachfragen zu Amerika unter Vollnarkose setzten. Wer schrieb, der amerikanische Präsident habe am 11. 9. immerhin noch dreimal die Krawatte wechseln können, galt als zynischer Zeitgenosse. Von der Stimmung entmündigt, groovten wir uns alle ein in den Nichts-Ist-Wie-Es-War-Blues und zelebrierten die Opfer wie die ersten Toten eines modernen Krieges. Gern hätte man damals ein Quiz veranstaltet, das natürlich zu lösen gar nicht angesagt war. Trotzdem, was erzählen die Antworten über unsere ganze Kriegsdiskussionskultur?

Also, das Quiz: Wie viele Menschen starben bei den Anschlägen des 11. September? (Weiß jeder.) Wie viele auf Bali? (Schnell gelöst.) Wie viele durch Milzbrandanschläge, die wir sofort der Al-Qaida zuschrieben? (Die Einzelfälle gibt es in zwei Minuten unter www.google.de .) Schwieriger wird es, wenn wir die Toten außerhalb unserer Achsen abfragen. Ruanda? (80000, 800000?) Wie viele im von Amerika unterstützten Giftgas-Krieg des Irak gegen den Iran und wie viele in der durch Amerika unterstützten Diktatur im Irak zwischen 1985 und ’89? (Ganz schwierige Frage.) Wie viele in: Amerika mit den Mudschaheddin gegen die Sowjet-Besatzung? Wie viele in: Amerika mit Taliban gegen Mudschaheddin und mit Mudschaheddin gegen Taliban? (Alles sehr schwer.) Wie viele beim von Amerika unterstützten israelischen Einmarsch im Libanon? (Kleiner Tipp: fünfstellig.) Wie viele bei der US-Operation „Wüstensturm“ plus anschließendem UN-Embargo? (Gestorbene Kinder ruhig mitzählen.) Nun noch die Toten im von US-Regierungen unterstützten Staatsterrorismus richtig auflisten: Chile? Haiti? Nicaragua? Panama? El Salvador? Letzte Frage für Cracks: 23 Terrorgruppen stehen derzeit auf der Liste der US-Regierung. Mit wie vielen der 23 hat sie bereits zusammengearbeitet? (Man wird blass). Ende der Fragen.

Das Quiz nervt. Und jeder ordentliche Transatlantiker wird jetzt sagen, dieser Hurrapazifist, reflexartiger Antiamerikanismus, olle Kamellen, jeder Kulturkreis kümmert sich doch immer um seine eigenen Toten! Und deshalb kennt zwar jeder Experte, von denen es ja nur so wimmelt, die kritischen Fragen, aber wer kennt wirklich die Antworten? Wer legt da eine Feinheit an den Tag, wie wir es mit unseren ersten modernen Kriegstoten taten?

Also: Worüber reden wir eigentlich, wenn wir unsere tägliche Irak-Dosis kriegen? Den Mittleren Osten neu ordnen wollen, aber schön immer um uns selber kreisen? Haben wir mit der absurden Pachtung der Weltmoral denn so rein gar nichts zu tun? Natürlich haben wir. Wir haben quasi den Pachtvertrag mit unterschrieben. Sätze von Bush wie: „Ich vollstrecke Gottes Wille“, „Jene, die gegen die USA sind, haben ihre eigene Zerstörung gewählt“ oder „Wenn wir Feinde besiegt haben, dann lassen wir keine Besatzungsarmeen zurück, sondern Verfassungen“ – diese Sätze zeugen nicht nur von einer etwas einseitigen Kindheit in Texas, sondern von jener Welle, auf der wir Bush mit unserem proamerikanischen Feuerwerk von rechts bis schräg links tief hinein in seine Verblendung mit getragen haben.

Rede vom Terror-Wecker

Nun, nachdem uns die Medien nicht mehr mit den Nine-eleven-Bildern bombardieren, sondern mit richtigen Recherchen mit Kopf und Buchstaben und nachdem wir sogar Bush-Biografien gelesen haben, sind wir wieder so kritisch wie eh und je – als ob es die Vollnarkose nie gegeben hätte. Und wenn es so weitergeht, ist unseren Schwarz-WeißMechanismen zufolge Saddam Hussein bald ein bedauernswert bedrohter Patriarch im Bagdad, was dann die zweite, die schwarze Vollnarkose wäre.

Seit der Zeit der ersten, weißen Vollnarkose ist leider eines völlig eingedämmert: das Verhältnis zum Terrorismus. Darüber erübrigt sich mittlerweile, vor lauter Aufregung um Achsen und transatlantische Eckpfeiler, jede Grundsatz-Überlegung. Ob bei Bush, Schily oder Putin, islamische Terroristen sind wie Fremdwesen, die über uns herfallen. „Umfassende Vernichtung“ (Schily), „Ausrottung“ (Bush) sei angestrebt, so wie man Heuschrecken flächendeckend vernichtet. Unsere Sprache sagt es.

Die Wohnung in Hamburg-Harburg zum Beispiel, in der Mohammed Atta lebte, gilt als „Terror-Zelle“; der Toaster der Wohngemeinschaft als „Terror-Toaster“ und sogar der Wecker, den Atta benutzte, um aufzuwachen, hieß schon mal „Terror-Wecker“, obwohl er ja nur ein deutsches Plastikgehäuse ist mit Batterie und Zeigern. Das alles will dann auch noch die Hamburger Kultursenatorin im Harburger Helms-Museum ausstellen! Eigenprofilierung, Egomanie, Architekturwettbewerbe um Ground Zero und eine polternde Unbescheidenheit von Daniel Libeskind bis Wolf Biermann oder Jacques Chirac, der sich durch Algerien im offenen Wagen fahren lässt, als sei er der König von Europa, der nachts in verwegenen Träumen wahrscheinlich Saddam die Hand schüttelt, ebenso wie Villepin, Putin und Schröder auch. Nur Blair stört weniger, dass der Diktator ein Diktator ist, sondern dass dieser ihn innenpolitisch und innereuropäisch demontiert.

Das alles zusammen ist unser Post-Terror-Glamour plus wochenlange Debatten über Jas und Neins, die den amerikanischen Präsidenten sowieso einen feuchten Dreck interessieren. Im Gegenteil, es wird im UN-Sicherheitsrat gemacht wie immer und wie fürs Quiz: Zuckerbrot und Peitsche, wie viele Dollar und US-Waffen für ein Ja, wie viele US-Sanktionen für ein Nein. Und alles im Namen Gottes und der Moral.

Was aber sind eigentlich die Beziehungen von Terror und westlicher Gesellschaft? Manchmal, ganz leise, klingt es bei Joschka Fischer noch durch, der 11. September sei eine Zäsur, an dem der Okzident gesehen habe, dass auch er nicht so weiter machen könne, kurze Pause, aber dann muss Fischer schon wieder in die Rolle des diplomatischen Feuerwehrmanns, salbungsvoll sagt er „Vierzehneinundvierzig“, und aus ist es mit den grundsätzlicheren Tönen. Alle ziehen dann wieder die Pesthandschuhe an, wenn sie das Wort „Terrorismus“ aussprechen, oder sie schieben ihn ins Helms-Museum. Aber „die Region“ neu ordnen wollen!

Wenn man sich die Geschichte der amerikanischen Außenpolitik und ihrer Geheimdienste anguckt, dazu das nette neoliberale Wirken von WTO und Weltbank quer über die Kontinente hinweg in den neunziger Jahren (trotz Clinton!), und dann auch noch das Quiz richtig löst, dann muss man vielleicht mal damit anfangen, nach dem Terror auch woanders zu suchen. Anstatt von uns weg in alle Himmelsrichtungen zu fahnden oder in der gängigen Simplifizierung erhaben mit der Bibel herumzuschwenken! Ja, inwieweit der Terror in unserer eigenen Omnipotenz lauert, inwieweit unsere Kultur schon die terroristische Struktur mit in sich trägt, das wären schöne Fragen.

Momentan gehen einem noch die Haarspaltereien zwischen Hurra-Radikalpazifisten und kriegsbefürwortenden Realpazifisten auf die Nerven. Wenn aber Bush das macht, was er jetzt sowieso machen muss und worauf ihn unsere Euphorie, unser Opportunitätsdenken, unser medialer Betroffenheitshype und schließlich unsere Kosovo- und Afghanistan-Politik auch noch ausgerichtet haben, dann sollten wir (wenn unsere Veto-Mächte schon nicht protestierend nach Bagdad ziehen), schnell ein paar mehr Diskussionsansätze suchen, bevor es hier zu Lande so richtig kracht. Dann ist nämlich nicht nur Bush daran schuld oder Blair. Es ist doch blöd, immer nur dann, wenn uns Susan Sontag und Arundhati Roy die westliche Kultur um die Ohren hauen, mit ehrfurchtsvollem Erschauern dazusitzen, um uns dann wieder den transatlantischen Pfeilern oder den Graustufen unseres Pazifismus zuzuwenden. Es wäre besser, mal selber damit anzufangen.

Am besten gleich mit einem Quiz im Sicherheitsrat: Wie viele Schweigeminuten haben wir für die amerikanischen Opfer eingelegt und wie viele für den Rest außerhalb unserer Achse des Guten? Und warum, wenn es für den Rest keine einzige war, erzeugt dies so viel Hass – and not love?

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