Kultur : Das große Schlingern auf dem Meinungsmeer

BRUNO PREISENDÖRFER

Am Anfang der Schluß: Mit der gerade herausgekommenen Ausgabe zum Thema "Deutschland 49/99" stellt die Zeitschrift Freibeuter ihr Erscheinen ein.Nach 80 Ausfahrten in 20 Jahren wurde das Schiff zurück in den Hafen geholt, mit einem Gesamtbruttoregister versehen und aufs Trockendock gelegt.Die Abtakelung erfolgt gutgelaunt: Auf dem Vorsegel der letzten Ausgabe kehrt ein vergnügter Chaplin dem Publikum den Rücken und geht seiner Wege, und das letzte Ganzseitenfoto im Heft zeigt einen jauchzenden Jazzer beim Trommelwirbel.

Zeitschriften haben, wie die Gattungsbezeichnung sagt, ihre Zeit.Das gilt für jedes einzelne Unternehmen und die Gattung überhaupt.Die sogenannte "Kulturzeitschrift", der etwas hilflose Begriff soll nur der Abgrenzung von den journalistischen Zeitschriften mit Massenauflage dienen, hat zur Zeit kaum eine Chance, sich aus eigenen Kräften ökonomisch zu behaupten.

Der kürzlich nach Berlin umgezogene Merkur wird keineswegs von seinem überwiegend akademischen Publikum, das eher nach Hunderten als nach Tausenden zählt, sondern von der Stiftung des Klett-Cotta Verlages finanziell am Leben erhalten.Die Neue Rundschau des Fischer Verlages, das Rowohlt Literaturmagazin, Hansers Akzente, bei Aufbau die Neue deutsche Literatur und Sinn und Form, sind auf hausinternes Sponsoring angewiesen; außerdem auf das Einverständnis der Autoren, für ziemlich zierliche Honorare zu schreiben, und - von Aufbau abgesehen - auf die Zusatzarbeit von Verlagslektoren, die die Zeitschriften "nebenher" machen.Eine Zeitschrift wie Transit wiederum, die vom Frankfurter Verlag Neue Kritik vertrieben wird, ist am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien verankert.Sprache im technischen Zeitalter wäre ohne das Literarische Colloquium nicht denkbar und Die Blätter für deutsche und internationale Politik werden mühsam von einem Förderverein über Wasser gehalten.Das Kursbuch bei Rowohlt Berlin ist ein Sonderfall, da es sich eher um eine vierteljährlich erscheinende Anthologie handelt.Eine bedeutende Ausnahme ist dagegen die deutsche Ausgabe von Lettre, das international inzwischen auf eigenen Füßen steht und derzeit die wichtigste Zeitschrift mit intellektuellem Niveau in Deutschland ist.Daß Lettre sein ökonomisches Setting inzwischen hinbekommen hat, hängt zusammen mit der speziellen Vertriebsstruktur der Zeitschrift über die Bahnhofskioske und den Handverkauf, mit der gewaltigen Textmenge auf Zeitungsformat und vor allem mit dem radikalen persönlichen Einsatz des Chefredakteurs Frank Berberichs.

Für Macher und Verleger von "Kulturzeitschriften" wird das Verhältnis zwischen Aufwand und Ertrag zunehmend unerträglich.Das gilt nicht nur für die organisatorische und finanzielle Bilanz auf der Verlegerseite und für die Energiebilanz auf der Seite der redaktionellen Macher.Auch diskurspolitisch, um es hochgestochen zu sagen, ist der klassische Zeitschriftentyp des Quarterly, des vierteljährlich erscheinenden Hefts, in den letzten anderthalb Jahrzehnten auf der immer schneller drehenden Scheibe der "öffentlichen Meinung" an den Rand gerutscht.Das hängt vor allem mit den erweiterten und häufig hochwertigen Angeboten der großen Tageszeitungen zusammen, die nicht nur in ihren Wochenendausgaben mit großer Beweglichkeit essayistische oder auch literarische Texte bieten.Die gute alte "Kulturzeitschrift" ist zu nah am Buch, um neben Wochen- und Tageszeitungen mithalten zu können; gleichzeitig aber ist sie zu weit vom Buch entfernt, um der Kundschaft das Gefühl zu verschaffen, mit dem Kauf einer Zeitschrift etwas "Bleibendes" erworben zu haben.Es gibt indes noch eine andere Entwicklung, die mit dem Bedeutungsniedergang der "Kulturzeitschriften" einhergeht, nämlich die Inflation der Meinung bei gleichzeitiger Verknappung sachhaltiger Information.Der Sinn der Behauptung läßt sich am leichtesten mit dem Fernsehen veranschaulichen.Es wird immer wieder gesagt, das Fernsehen transportiere Informationen über Bilder.Das Fernsehen aber transportiert über die Bilder Gefühle und reicht die Informationen als gesprochenen Kommentar aus dem Off.Zur Beweisführung empfehle ich den Bügeltest: Ungeübte brauchen fünf Minuten für ein Herrenhemd, das ergibt drei Hemden pro Tagesschau.Wenn die Hemden und die Tagesschau fertig sind, wird man feststellen, daß man keine wesentliche Information versäumt hat, obwohl man die ganze Zeit mit den Augen bei den Hemden war.Ein Kontrolltest mit Kopfhörer - von den Fernsehnachrichten werden nur die Bilder wahrgenommen - würde ergeben, daß die Informationen, die von den Bildern angeblich übermittelt werden, unverständlich bleiben.Bilder wecken Empfindungen, die Sprache erzeugt Wissen - und mit beidem vermittelt das Fernsehen den Eindruck, nicht nur eine Unterhaltungs-, sondern auch eine Informationsmaschine zu sein.

Um Mißverständnissen vorzubeugen: Es geht mir nicht um eine "Kritik" des Fernsehens, sondern nur um das Festhalten der so offensichtlichen wie offen übersehenen Tatsache, daß so komplizierte Sachverhalte wie etwa die Grundzüge der Außenpolitik, die innere Organisationsstruktur der NATO, die logistische Vorbereitung einer Intervention etcetera mit bildlichen Mitteln eben nicht darzustellen sind.Dennoch werden die Meinungen in der Bevölkerung über Außenpolitik, NATO und Intervention maßgeblich vom Fernsehen gebildet - und zwar wortwörtlich.

Gegen die systematische Verwechslung von Meinungsbildung mit Informationsverarbeitung anzusprechen, wäre eigentlich die wichtigste Aufgabe der Intellektuellen.Das setzt allerdings Sachkenntnisse voraus.Sachkenntnis ist aber ein knappes und sehr teures Gut.Sie verlangt hohe Investitionen an Zeit und Kraft, die sich allenfalls langfristig "rechnen".Speziell die Medienintellektuellen ohne institutionelle Verankerung, die nun einmal darauf angewiesen sind, ihr Einkommen durch regelmäßiges Meinen zu verdienen, können sich selbsterworbene Kenntnisse häufig nicht leisten.Es kommt zur Flucht in die Kolportage fremden Wissens.Auf diese Weise funktioniert der Marktintellektuelle, der eigentlich die Aufgabe hätte, auf der Grundlage erworbenen Wissens zu problematisieren (anstatt zu vereinfachen) und Komplexitäten aufzubauen (anstatt sie zu reduzieren) bloß noch als Sortiermaschine im öffentlichen "Diskurs".

Der Aufgabe, hier als Bremse zu wirken, sind Zeitschriften des Typs Freibeuter nicht mehr gewachsen.Sie werden ökonomisch, medienpolitisch und intellektuell zerrieben zwischen den Erfordernissen des Tages und der schwierigen und teuren Beschaffung des Rohstoffes Information auf der anderen Seite.Die Korrektur des Meinens en gros durch Kenntis en detail kann nur noch von den großen Medienakteuren selbst bewerkstelligt werden, eben durch die Hintergrundberichte, Dokumentationen und Essays in den Tags- und Wochenzeitungen.Was die Schiffahrt angeht: Zwischen dem Schulschiff Merkur, dem Schweizer Luxusdampfer Du, dem SPD-nahen Linienschiff Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte, der sage und schreibe 110 Jahre alten Fegatte Neue Rundschau und dem riesigen Containerschiff Lettre als Freibeuter zu kreuzen, hat Vergnügen gemacht.Die Piraten streichen fröhlich die Segel und gehen gelassen von Bord.

Der Autor war seit 1995 Redakteur des Freibeuter.

0 Kommentare

Neuester Kommentar