Kultur : Das große Stühlerücken

Young.euro.classic: Wie sich zwei Jugendorchester aus Lettland und Spanien zusammenraufen

Mikko Stübner

Es wird viel getuschelt. Auf den ersten Blick scheint es, als ob die jungen Musiker den da vorne mit dem Taktstock gar nicht so richtig ernst nehmen. Dabei gibt der kleine Mann im schwarzen T-Shirt und mit kurzen Haaren hinter seinem Pult wirklich alles. „Dadadadada – düdüdüdüdü – bamm, bamm.“ Pfeilschnell sausen die Arme des lettischen Dirigenten Andris Vecumnieks durch die Luft, während er mit seiner Stimme mehrere Instrumente gleichzeitig imitiert. Es geht um Beethoven.

Draußen sind 22 Grad, drinnen ist es mindestens doppelt so heiß. Trotzdem beobachten 41 Augenpaare aufmerksam jede dieser flinken Bewegungen, die die Ouvertüre zu dem Schauspiel „Egmont“ in die Luft malen. Kraftvoll klatscht Vecumnieks in die Hände, ruft auf lettisch eine knappe Anweisung durch den Raum und die Nachwuchs-Musiker flüstern wieder. Dann legen sie los, denn die Flüsterer spielen in Wirklichkeit Dolmetscher für ihre spanischen Kollegen. Zumeist auf englisch oder auf italienisch.

Mit ihren Heimatensembles, dem Symphonieorchester der J. Vitols Musikakademie in Riga und dem nordspanischen Joven Orquesta Sinfonica del Principado de Asturia, sind sie zum young.euro.classic-Festival (yec) nach Berlin gereist, um unbekannte Werke von Komponisten aus ihrer jeweiligen Heimat vorzutragen. Nun aber spielen beide Orchester im Campus. Dafür wurden die Ensembles gemischt und zwei neue Orchester gebildet, die am kommenden Wochenende unter anderem Werke von Mahler, Bach und eben Beethoven vortragen.

Juan Manuel Diaz Fernandez sinkt erschöpft in den Ledersessel in der Lobby des Sorat-Hotels am Spreebogen. Der 19-jährige Kontrabassist hat in den letzten Tagen viel erlebt. Am Sonntag ist sein Orchester in Berlin angekommen, hat einen Tag geprobt, dann Werke von Manuel de Falla und José García Román aufgeführt. Seit Dienstag probt er unter der Leitung von Arturo Tamayo Mahlers „Symphonie Nr. 5“. Jeden Tag sechs Stunden lang. Die Noten für das Campus-Konzert hat er vor einem Monat erhalten, dennoch ist er nervös: „Wir haben wenig Zeit und Mahler ist wirklich sehr schwierig – da brauchen sogar professionelle Orchester zwei Wochen Proben.“

Die Campus-Orchester haben nur knapp eine Woche Zeit. „Wir wollen die jungen Musiker schließlich fordern – sie sollen mehr als 100 Prozent geben“, erläutert yec-Pressesprecher Michael Horst. Allerdings, räumt er ein, sei der in diesem Jahr ins Leben gerufene Campus natürlich noch in einer Testphase. So werde man in Zukunft darauf achten, dass die Orchester gleich lange Ruhephasen haben.

Die Letten hatten drei Tage zwischen ihrem Konzert und dem Campus. Wohl deshalb wirkt Inna Kivjatkovska deutlich entspannter. Die 19-jährige Violinistin mit einem hübschen blonden Haarschopf hat die freie Zeit zum ausgiebigen Berlin-Bummel genutzt, abends hat sie die anderen Konzerte besucht. Begeistert schwärmt sie vom Auftritt des Bundesjugendorchesters. Neben ihr sitzt Rihards Zalupe, der Trommler des lettischen Orchesters. „Berlin ist fantastisch inspirierend“, schwärmt der 21-Jährige und deutet auf die sonnig-glitzernde Spree vor dem Hotel. Mit seinem Karohemd und dem coolen James-Dean-Blick wirkt er eher wie der Drummer einer Rockband. Dennoch genießt er vor allem die Hochkultur der Hauptstadt – bei Dussmann hat ein Freund sogar CD’s des lettischen Komponisten Janis Ivanovs gefunden.

Dessen „Symphonie Nr. 19“ steht auch auf Andris Vecumnieks Konzert-Programm. So engagiert er sich beim Dirigieren gibt, so schüchtern wirkt der nette Komponist im persönlichen Gespräch. Dass Musik sein Leben sei, glaubt man ihm aufs Wort – ein würdiger Vertreter der 1922 gegründeten Musikakademie. „Für mich ist der Campus sehr spannend, denn jedes Orchester hat seine eigene Klangkultur“, beschreibt er das Probengefühl und lobt dabei die hohe Konzentrationsfähigkeit aller Musiker. Bewusst habe er seine Leute abwechselnd neben die Spanier gesetzt, um so ein exotisches Klangbild zu erzeugen und den menschlichen Austausch zu fördern.

Was bis jetzt noch nicht ganz reibungslos klappt. Manche Probleme sind kulturell bedingt: Beim Abendbrot sitzen die Letten um 18 Uhr alleine im Saal, denn die Spanier essen immer erst drei Stunden später. „Ihre Ausbildung wirkt so unglaublich streng“, sagt die spanische Cellistin Ilemi Kemonah über ihre lettischen Kollegen und schüttelt dabei ihre wilden Afro-Locken. Nie würde sie mit den Letten tauschen wollen, doch deren Disziplin sei wunderbar.

Für Rihard Zalupe gehen einige Spanier dagegen einen Tick zu lässig mit dem harten Programm um. Allerdings sei das manchmal auch nett: „Wir haben bei den Proben viel zu lachen.“ Wenn die Kommunikation auch schwierig sei, für das Konzert ist der junge Lette optimistisch: „Für unsere Musik brauchen wir keine Worte.“

Campus-Orchester: Konzerthaus (Gendarmenmarkt), 14. und 15. August, 20 Uhr, Karten unter Tel. 53026060

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