Kultur : „Das Grundproblem ist die Steuerhinterziehung“

Chef-Archäologe Salvatore Settis sieht trotz Regierungswechsel schwere Zeiten aufziehen.

Foto: Scuola Normale Superiore Pisa
Foto: Scuola Normale Superiore Pisa

Signor Settis, mehr als 20 Millionen Touristen kommen pro Jahr nach Venedig. Und doch ist die Stadt so arm, dass sie wertvolle Bauten verkaufen muss, um Haushaltslöcher zu stopfen. Wie kann das sein?

In der weltweiten Krise hat Italien eine Besonderheit: eine gewaltige Steuerhinterziehung, die ohne Vergleich ist in Europa. Den Finanzämter zufolge haben die Italiener allein 2010 rund 120 Milliarden Euro unterschlagen. Den Haushalt von Venedig kenne ich im Einzelnen zwar nicht, aber ich bin sicher, dass darin auch ein Grund für die hohen Schulden der Stadt liegt. Wer – wie bisher sowohl die rechten als auch die linken Regierungen – dieses Problem nicht bekämpft, wird nie eine Lösung finden, sondern klebt nur Pflaster auf alle Haushaltslöcher und verkauft Staatsgut.

Warum sollte man kulturell wertvolle Gebäude nicht an Privatleute abtreten, wenn sie versprechen, sie zu restaurieren, was der Staat ja oft nicht kann?

Wenn es klare Regeln dafür gäbe, würde ich dem zustimmen. Aber ich halte es für falsch zu verkaufen, ohne vorher zu überlegen, welche öffentlichen Bestimmung das Gebäude haben könnte. Die landesweite Erfahrung lehrt außerdem, dass der Umbau historischer Gebäude nach einer Privatisierung meistens nicht mit der nötigen Behutsamkeit vorgenommen wird. In der Regel fallen wirtschaftliche Erwägungen dabei stärker ins Gewicht als die Erhaltung des Bauwerks. Faktisch beginnt hier der Ausverkauf des kulturellen Eigentums von Italien.

Die Verkäufe setzen die Zuständigkeit der Regionen voraus. Warum ist es eigentlich so schlimm, wenn der Staat die Verantwortung für Kulturbauten abtritt? In Deutschland haben die Länder die Kulturhoheit.

Deutschland hat sich von Anfang an als föderaler Staat zusammengeschlossen, Italien wurde als Einheitsstaat nach französischem Modell gegründet. Der Föderalismus der letzten Jahre ist eine Reaktion auf den abspalterischen Druck der norditalienischen Partei Lega Nord. Die italienische Föderalismus-Rhetorik zielt nicht auf den Zusammenhalt, sondern die Zerlegung des Staates.

Der Schuhhersteller Diego Della Valle erregte Aufsehen, weil er die Restaurierung des Kolosseums in Rom mit 25 Millionen Euro sponserte. Wäre das ein Modell für die Erhaltung italienischer Kulturgüter?

Die einen sagen, er habe es aus reinem Mäzenatentum getan, die anderen glauben, dass er im Gegenzug die exklusiven Nutzungsrechte für das Bild des Kolosseums bekommt. Das ist nicht richtig transparent. Wenn es Mäzenatentum ist und die Restaurierung von Fachleuten gemacht wird, warum nicht? Wenn Della Valle aber auf der Grundlage von Verträgen tätig wurde, die am Ende ihm mehr nützen als dem Kolosseum, dann sage ich Nein.

Hat es Ähnliches schon einmal gegeben?

Als man vor 20 Jahren in Pisa damit begann, die Neigung des Schiefen Turms zu verringern, stellte der Staat 25 Millionen Euro bereit. Als dann eine japanische Firma anbot, für den eigenen Imagegewinn die Hälfte zu übernehmen, lehnte Rom mit der Begründung ab, der Turm sei ein Symbol für Italien. Italien hat sich seither schon sehr verändert …

Sie haben die Regierung Berlusconi immer als Gefahr für die italienischen Kulturgüter kritisiert. Jetzt ist Berlusconi weg. Gibt es Anzeichen für eine Wende?

Ich schätze den neuen Regierungschef Mario Monti, aber positive Signale für die Kulturgüter gibt es noch nicht. Im Gegenteil. Ein Fonds von 57 Millionen Euro, den die Steuerzahler ausdrücklich für die Kultur bestimmt hatten, ist der Kultur weggenommen und für die Errichtung von Gefängnissen umgewidmet worden. Die gesamte Summe einem Ministerium wegzunehmen, das seit Jahren am Hungertuch nagt, das ist kein gutes Zeichen.

Interview: Paul Kreiner

Der Kunsthistoriker

SALVATORE SETTIS (70) leitete eine EliteUni in Pisa. 2009 trat er als Präsident des Obersten Rats für Kulturgüter aus Protest gegen Berlusconis

Kulturpolitik zurück.

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