Kultur : "Das Haus in der Kunst": Dach überm Kopf

Nicola Kuhn

Nur ein Besessener wie Dieter Roth konnte auf die Idee kommen, sämtliche Häuser Reykjaviks zu möglichst jeder Jahreszeit zu dokumentieren und als gigantische Liebeserklärung an seinen Zweitwohnsitz in einer 34 000 Aufnahmen umfassenden Dia-Schau vorzuführen. Was auf den ersten Blick wie eine Bestandsaufnahme skandinavischen Bauens erscheint, erweist sich am Ende als der unmögliche Versuch, das Leben zu verstehen, zumindest das Wohnen der Isländer. Das Unternehmen musste scheitern, die Hommage an Roths Wahlheimat aber gelingt. Nur wenige Künstler haben sich in den vergangenen dreißig Jahren so rührend, so emotional dem Thema Haus gewidmet. Stattdessen war es eher die Folie für politische, gesellschaftliche Betrachtungen.

Dennoch ist die "HausSchau" in den Hamburger Deichtorhallen nicht zum freudlosen Unterfangen verkommen, sondern eines der unterhaltsamsten Ausstellungsprojekte jüngster Zeit. Drei Jahre nach "Home Sweet Home", das sich mit der künstlerischen Gestaltung von Innenräumen beschäftigte, den psychologischen und sozialen Funktionen des Wohnens, soll nun das Gehäuse selbst aus Sicht der Künstler untersucht werden. Eine "Typologie" künstlerischer Positionen verspricht Direktor Zdenek Felix und lässt den Besucher leider wenig gastfreundlich am Eingang seines eigenen Hauses stehen. Dieser muss sich seinen Weg zu den Zimmern alleine suchen, denen der Kurator die Künstler-Bewohner zugeteilt hat.

Wo "Das Haus in der Kunst" darübersteht, dürfen Arbeiten des verstorbenen Gordon Matta-Clark nicht fehlen, der radikal wie kein anderer die Gebäude selbst in Kunstwerke wandelte, indem er vor dem Abriss stehende Bauten mit der Säge durchdrang und damit ihrem trivialen Ende ein poetisches Denkmal setzte. Neben Filmaufnahmen und Fotografien seiner Aktionen sind in Hamburg die 1974 abgenommenen Fassadenteile eines Einfamilienhauses zu sehen, die in ihrem stillen Pathos bis heute beeindrucken. Noch lieber wäre der gelernte Architekt und "Wallcutter" Neubauten zu Leibe gerückt, denn ihm ging es um die Durchdringung von Innen und Außen, eine Durchlüftung der politischen Zusammenhänge. Kein Wunder, dass seine Zunft ihn endgültig ausschloss, als er bei einer Ausstellung des New Yorker Institute for Architecture & Urban Studies vom gegenüber liegenden Gebäude aus die Fenster durchschoss.

Wenn Haus und Kunst tatsächlich in eins fallen, müssen Museen passen. Ihnen bleiben allenfalls Zeichnungen, Fotografien, Film, die nur als Verweis für die realen Dimensionen dienen können. Auf diese Weise hat Rachel Whitereads "House" (1993/94) den Status des Legendären erreicht: von ihrem mit Beton ausgegossenen Abrisshaus im Londoner East End blieben nichts als Bilder. Die eindrucksvolle Skulptur der Turner-Preisträgerin geriet zum Mahnmal gegen Wohnraumzerstörung; wenige Wochen später ereilte sie das gleiche Schicksal wie ihr Vorgänger.

Der Rachel Whitereads Werk innewohnende politische Appell taucht nur noch einmal, diesmal feministisch gewendet in Monica Bonvicinis Video "Hausfrau Swinging" (1997) auf, das eine nackte Frau mit einem Hausmodell auf dem Kopf zeigt, mit dem sie immer wieder verzweifelt gegen eine Raumecke donnert. Die beiden Künstlerinnen bilden in der "HausSchau" eine Ausnahme; sie schlagen als Einzige den Bogen zum Kämpfer Matta-Clark, dem Heros der "HausSchau".

Einen eher unfreiwillig dekonstruktivistischen Helden gibt auch Buster Keaton, von dem "One Week" auf eine Wand von Stephan Craigs "Transportable Pavilions" (1996) projiziert wird. Der Stummfilm-Klassiker zeigt Keaton und seine Braut beim unmöglichen Versuch, ein Fertigteilhaus zusammenzubauen. Nie hat die Verzweiflung eines Eigenheimbesitzers tragikomischer ausgesehen, nie die Kunst so dringend der Belebung durch den Film bedurft wie bei Craigs Pressholz-Box. Auch Mischa Kuball pumpt für seinen "Kompressor" die Kraft der Bilder an, indem er Fotografien von Bauten und Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts in seiner Rauminstallation an die Wand wirft.

Nachdem in den letzten Jahren Fotografie im Kunstbetrieb zunehmend an Bedeutung gewonnen hat, ja die Malerei häufig genug ersetzt, stellt dieses Medium auch in der "HausSchau" eine gewichtige Gruppe. Beginnend bei Bernd und Hilla Becher und ihren neusachlichen Bau-Typologien weitet sich der Fokus auf die Aufnahmen eines ihrer erfolgreichsten Düsseldorfer Schülers. Doch nur auf den ersten Blick wirken Andreas Gurskys Stadtbilder in ihrer technischen Perfektion glamourös. Schon bald beschleichen den Betrachter ungute Gefühle angesichts der Anonymität des 1900 Appartements umfassenden Wohnblocks "Montparnasse" (1995) oder der kühlen Repräsentativität von "La Défense" (1993).

Auch dem Schweizer Duo Fischli & Weiss möchte man nicht ganz trauen, wenn sie vermeintlich neutral diverse Vorstadtsiedlungen ablichten. Hinter den adretten Gardinchen der Einfamilienhäuser lugt die Trostlosigkeit hervor. So weit, so bekannt das Repertoire der Fotokünstler. Noch einen Namen wird man sich merken müssen: Stéphane Couturier. Der Franzose fotografierte in Berlin und Dresden die großen Baustellen als ästhetische Tableaux, was erst einmal wenig Überraschendes verspricht. Doch wie sich bei ihm die Schichten von Alt und Neu, originaler Substanz und der Mimikry von Taschenberg-Palais oder Adlon-Hotel gleichwertig nebeneinander präsentieren, enthüllt sich die ganze Kulissenschieberei.

Während die Fotografen den Standpunkt des scheinbar objektiven Beobachters einnehmen, wurde für den israelischen Bildhauer Absalon das Thema Haus zur Existenzfrage. In Hamburg ist von ihm eine seiner weißen Wohnzellen zu sehen, die er ganz auf seine Körpermaße abgestimmt hatte und die hier wie ein Zwitter zwischen Backofen, Sauna und Grabstätte wirken. Der 1993 an Aids verstorbene Künstler bereitete damit vor, was später in den "Escape Vehicles" der Amerikanerin Andrea Zittel oder den Polyesterzellen des Rotterdamer "Atelier van Lieshout", die ebenfalls vertreten sind, seine heitere Note gewinnen sollte.

Das Haus ein Spaß, die Stadt ein Spielfeld scheinen auch Julian Opies kindliche Architekturskulpturen zu suggerieren. Doch gleichzeitig mit seiner Verniedlichung von Kirchen und Hochhäusern geht eine monströse Vergrößerung architektonischer Planungsmodelle einher. Wer Opies Häuser zum Beispiel in der Kunstwelt eines Flughafens wie in London-Heathrow entdeckt, dem dürfte dieses Spiel schon nicht mehr so spaßig vorkommen. Das Haus in der Kunst eine ernste Sache also? Spaßvögel dürfen sich zu den Nistkästen der Hamburger Galerie für Landschaftskunst flüchten. Zumal Künstler werden an dem Kasper Königs Konterfei nachempfundenen tönernen Nistplatz Gefallen finden. Denn wer würde sich nicht gerne in die Obhut des neuen Kölner Museumsdiktators landen?

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